Leben und GesellschaftWie ich mein Leben verpasse

Aus Heft 44/15

Lesezeit: 8 Min.

Illustration: Andy Rementer

Du kannst nicht alles, was dir wichtig ist, ständig Jahr um Jahr nach hinten schieben, mahnt unsere Autorin sich selbst. Das Problem ist ein Wort, das Zauberformel und Fluch zugleich ist: später. 

Von: Susanne Schneider

I

Ich wollte immer dünn sein. Es gibt keine Diät, die ich nicht kenne. Geschätzte fünfzig Mal habe ich eine begonnen. Und manchmal nur zwei Tage durchgehalten. Geschätzte fünfzig Mal habe ich das Abnehmen verschoben – auf später. Klingt klein. Ist groß. Und typisch. Für mich. Zeigt es doch, was ich mit fast allen Vorsätzen mache, die ich gefasst habe: Ich verschiebe ihre Umsetzung. Später ist zu meinem Fluch und zu meinem Zauberwort geworden. Später ist dann, wenn ich endlich das Leben führen werde, das ich führen will, wenn ich die Ketten des Alltags gesprengt und all die Pflichten hinter mir gelassen habe. Nur: Wann ist später? Jetzt? Oder später?

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