WeihnachtsbäumeOje Tannenbaum

Aus Heft 1/25

Lesezeit: 2 Min.

Schon germanischen Stämmen dienten die immergrünen Tannenzweige als Zeichen der Hoffnung in finsterer Winterzeit. In Berlin reicht die Verehrung des Baums nicht so weit.
Schon germanischen Stämmen dienten die immergrünen Tannenzweige als Zeichen der Hoffnung in finsterer Winterzeit. In Berlin reicht die Verehrung des Baums nicht so weit. Nikita Teryoshin

Bepinkelt vom Nachbarshund, zur Zerstörung freigegeben im Löwenkäfig, von der Eisenbahnbrücke gehängt: dem Weihnachtsbaum wird übel mitgespielt in diesen Tagen. Eine Fotodokumentation von Nikita Teryoshin.

Fotos von Nikita Teryoshin Text von Marc Baumann

M

Mit niemandem wird so heftig Schluss gemacht wie mit dem Weihnachtsbaum. Eben noch stand er geliebt, geschmückt und besungen im Mittelpunkt des Heiligabends – und zack, liegt er drei Tage später am Straßenrand, bepinkelt vom Nachbarshund. Oder zur Zerstörung freigegeben als Kratzbaum im Löwenkäfig. Oder, noch trister, er baumelt monatelang kopfüber und verdurstet von einer EisenbahnbrückeDabei hat er doch gar nichts falsch gemacht, nur ein bisschen genadelt und im Weg gestanden. »Die werden eiskalt abserviert«, findet der Berliner Fotograf Nikita Teryoshin, dessen Bilder wir hier zeigen. Dieser Kontrast interessierte ihn: »Ein kurzer, fast pompöser Höhepunkt, und dann fliegst du zum Fenster raus«.

Die verstoßenen Tannenbäume fielen Teryoshin erst auf, als ein russischer Freund ihn darauf ansprach. Der war aus Moskau vor Putins Krieg geflohen und wunderte sich, dass in Berlin überall Weihnachtsbäume he­rumlagen. In Moskau würden die sehr geordnet und flink abgeholt. Sind die Tausenden Weihnachtsbäume, die sich in Berlins Straßen sammeln, also sogar ein Zeichen lebendiger Demokratie, wo das Müllmachen keine argen Strafen bedeutet? Oder doch nur Zeichen von Verlotterung? Einer der ersten Bäume, die Teryoshin fotografierte, steckte in einem gesprengten Tresor, den Diebe zurückgelassen hatten – dit is Berlin, wa?

»Vom Himmel hoch, da komm’ ich her«, textet Luther 1535 in seinem Weihnachtslied – den Baum des faulen Nachbarn meinte er eher nicht.
»Vom Himmel hoch, da komm’ ich her«, textet Luther 1535 in seinem Weihnachtslied – den Baum des faulen Nachbarn meinte er eher nicht. Nikita Teryoshin
O du traurige. Dieser Löwe scheint vom Tannenbaum so erfreut wie Kinder über geschenkte Socken.
O du traurige. Dieser Löwe scheint vom Tannenbaum so erfreut wie Kinder über geschenkte Socken. Nikita Teryoshin
Sind die Tausenden Weihnachtsbäume, die sich in Berlins Straßen sammeln, womöglich ein Zeichen lebendiger Demokratie, wo das Müllmachen keine argen Strafen bedeutet?
Sind die Tausenden Weihnachtsbäume, die sich in Berlins Straßen sammeln, womöglich ein Zeichen lebendiger Demokratie, wo das Müllmachen keine argen Strafen bedeutet? Nikita Teryoshin
Oder doch eher der Verlotterung?
Oder doch eher der Verlotterung? Nikita Teryoshin
Oder einfach Berlin?
Oder einfach Berlin? Nikita Teryoshin

Aber die übrigen Bilder kennt man so ja auch aus Bremen, Stuttgart oder Kiel: diese »Wird schon wer wegräumen«-Tannenbäume. 30 Millionen soll es in Deutschland geben – pro Jahr. Und stimmt ja, irgendwer macht die irgendwann weg. Und sei es die Jugendfeuerwehr, gegen ein kleines Taschengeld. Wobei Nikita Teryoshin eine interessante Alternative gefunden hat: »Ich habe den Abholtermin 2023 irgendwie verpennt, und jetzt steht der Weihnachtsbaum seit einem Jahr auf meinem Balkon. Den könnte ich fast wieder verwenden, er ist zwar braun, aber die Nadeln sind erstaunlicherweise noch nicht abgefallen.«

Recycling aus Verplantheit, auch ein Weg. Ein Landwirt aus Zorneding bei München bietet Tannenbäume aus dem Topf an, die nach Weihnachten wieder aufgepäppelt und eingepflanzt werden. Das Start-up »Keihnachtsbaum« verkauft einen nachhaltigen Christbaum, bei dem an ein Holzgerüst nur frische Tannenzweige gesteckt werden, für die man keinen Baum fällen muss.

So schön wie ein heillos verspäteter ICE an Heiligabend: diese Baum-Entsorgung am Bahngleis. Merke: Je höher der Baum hängt, desto länger »erfreut« man die Nachbarschaft.
So schön wie ein heillos verspäteter ICE an Heiligabend: diese Baum-Entsorgung am Bahngleis. Merke: Je höher der Baum hängt, desto länger »erfreut« man die Nachbarschaft. Nikita Teryoshin
Christbaumzweige können als Frostschutz oder Verstecke für Igel und Käfer dienen...
Christbaumzweige können als Frostschutz oder Verstecke für Igel und Käfer dienen... Nikita Teryoshin
... der getrocknete Stamm ist eigentlich Brennholz.
... der getrocknete Stamm ist eigentlich Brennholz. Nikita Teryoshin
Das hat sich aber noch nicht überall rumgesprochen.
Das hat sich aber noch nicht überall rumgesprochen. Nikita Teryoshin
Herzlose Christbaumentsorgung auf die Spitze getrieben.
Herzlose Christbaumentsorgung auf die Spitze getrieben. Nikita Teryoshin
Frohe Botschaft: Viele Städte sammeln die Weihnachtsbäume, um sie geschreddert in Biomassekraftwerken zu verbrennen, in Berlin sollen so jährlich rund 500 Haushalte mit Strom und Wärme versorgt werden.
Frohe Botschaft: Viele Städte sammeln die Weihnachtsbäume, um sie geschreddert in Biomassekraftwerken zu verbrennen, in Berlin sollen so jährlich rund 500 Haushalte mit Strom und Wärme versorgt werden. Nikita Teryoshin

Bei Nikita Teryoshins Oma steht ein kleiner Kunststoff-Tannenbaum. »Sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus«, sagt er.

war leider nicht schnell genug, um den Nachbarn zu fotografieren, der den Tannenbaum durchs Wohnungsfenster quetschte. Aber auch so hatte er genug gute Fotos für seinen nun erschienenen Bildband O Tannenbaum.

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