Leben und GesellschaftWarum Ungeduld uns schadet

Aus Heft 25/22

Lesezeit: 15 Min.

Eine zähe Wartezeit einfach geduldig aussitzen – wer kann das heute noch?
Eine zähe Wartezeit einfach geduldig aussitzen – wer kann das heute noch?
Foto: Tim MacPherson, GettyImages

Die Menschen verlernen das Warten. Das gefährdet eine der wichtigsten Ressourcen unserer Gesellschaft: das Vertrauen.

Von Nils Minkmar

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Die Zeitenwende, von der der Kanzler sprach, als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, ist auch eine Wende in der Empfindung der Zeit. Bis dahin passierte, was passierte, schnell, und ebenso schnell konnten schlechte Nachrichten wieder verjagt werden. Bei Twitter gibt es nie Sendeschluss, und wenn alles zu viel wird, wartet – schnell weiter – das Video eines Babyotters, der mit Steinen spielt. Doch mit einem Krieg in Europa, so ungerecht und brutal, ist das anders. Die Berichte und Bilder sind Heimsuchungen, und seine Dauer ist eine weitere Qual. Man kann sich diesem Krieg kaum entzie­hen – aber kämpfen, das geht auch nicht, das kann nur die Ukraine, wenn der Weltkrieg vermieden werden soll. Also entfaltet der Schrecken eine zusätzliche Qual, die Dauer. Sie ist uns unerträglich. Morgen schon soll es vorüber sein, das ist der humanistische Wunsch, der alle eint, auch wenn die Mittel strittig sind. Einige wollen so viele Waffen wie möglich liefern, alle denkbaren Sanktionen beschließen. Die anderen wollen im Gegenteil keine Waffen mehr liefern, die Ukraine aufteilen und tun, als wäre nichts gewesen. Alle Seiten hegen die Hoffnung, es sei dann vorüber. Ein ehrenwerter Impuls. Aber er zeigt auch, was diese digitale, postmoderne Kultur nicht mehr im Vorrat hat: die Kunst des Wartens. Lösungen sollen schnell kommen, weil es sonst nicht auszuhalten ist.

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