Es wurde ernst, als die Nachbarn aufhörten, sich zu wundern. Als sie nicht mehr »Na, immer noch da?« fragten, wenn ich ihnen morgens bei meiner ersten Gassirunde mit dem Hund begegnete. Und nicht mehr sagten, es sei ja schön für meine Eltern, dass ich dieses Mal ein bisschen länger bliebe. Irgendwann hatten sie mich eingebaut in die Dorfkulisse. Ich hoffte, dass es wenigstens ein flamboyantes Gerücht dazu gab, warum ich immer noch da war und nicht, wie meistens um den Jahreswechsel, wieder nach Berlin abgereist, und warum ich offensichtlich vorhatte zu bleiben. Aber in dem unterfränkischen Dorf, aus dem ich komme und wo meine Eltern immer noch leben, ist nichts flamboyant, und wahrscheinlich hielten mich die Nachbarn einfach für irgendwie gescheitert, mindestens geschieden.
Leben und GesellschaftWie mir Corona mein ungelebtes Leben vor Augen führte
Aus Heft 27/21
Lesezeit: 14 Min.

Der Dorfsupermarkt der Autorin hat sogar Hanfsamen und Hafermilch vorrätig. Foto: istock/geogif
Wochenlang wohnte unsere Autorin bei ihren Eltern im Heimatdorf. Diese Welt, vor der sie einst geflüchtet war, empfand sie in der Pandemie als wohltuend. Und seitdem fragt sie sich: Stadt oder Land, Trubel oder Ruhe, Ambition oder Genügsamkeit?
Von Anja Rützel
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