Leben und GesellschaftLiebesgrüße aus Paris

Aus Heft 36/19

Lesezeit: 4 Min.

»Ich komme nicht aus Paris, ich komme aus Montmartre. Meine Freunde lachen, wenn ich das sage, aber so ist es. Wenn ich früher durch die Straßen meines Viertels lief, um Stoffe für meine Mutter zu besorgen, die Hochzeitskleider schneidert, kannten mich die Verkäuferinnen. Das ist heute anders, die kleinen Stoffgeschäfte wurden mehrheitlich verdrängt. Trotzdem liebe ich es hier. Wenn ich mir alte Klassenfotos anschaue, zeigen sie mich und meine Schulkameradinnen nicht auf dem Schulhof, sondern auf den Stufen von Sacré-Cœur. Deshalb habe ich auch David, den rothaarigen Mann in der Mitte, dort platziert. Ich wollte Davids ansteckende Fröhlichkeit für die Ewigkeit festhalten. Die blonde Frau im Hintergrund ist Davids Mutter Susan.«   Emma Le Doyen, 30, lebt in Paris. Sie und David kennen sich seit zwölf Jahren. Le Doyen ist Fotografin und Filmemacherin. Sie arbeitet für Magazine, dreht Musikvideos und Kampagnen.  Obere Reihe, von links: Pullover von Hermès, Shorts privat. Tüllkleid von Sies Marjan. Anzug von Acne Studios. T-Shirt und Hut privat. Schuhe von Adidas. Vorne, von oben nach unten: Roter Pullover von Chanel, Hose und Sandalen privat. Kariertes Hemd und Hose von Marni. Halskrause privat, Strickjacke von Marina Rinaldi.
»Ich komme nicht aus Paris, ich komme aus Montmartre. Meine Freunde lachen, wenn ich das sage, aber so ist es. Wenn ich früher durch die Straßen meines Viertels lief, um Stoffe für meine Mutter zu besorgen, die Hochzeitskleider schneidert, kannten mich die Verkäuferinnen. Das ist heute anders, die kleinen Stoffgeschäfte wurden mehrheitlich verdrängt. Trotzdem liebe ich es hier. Wenn ich mir alte Klassenfotos anschaue, zeigen sie mich und meine Schulkameradinnen nicht auf dem Schulhof, sondern auf den Stufen von Sacré-Cœur. Deshalb habe ich auch David, den rothaarigen Mann in der Mitte, dort platziert. Ich wollte Davids ansteckende Fröhlichkeit für die Ewigkeit festhalten. Die blonde Frau im Hintergrund ist Davids Mutter Susan.«
Emma Le Doyen, 30, lebt in Paris. Sie und David kennen sich seit zwölf Jahren. Le Doyen ist Fotografin und Filmemacherin. Sie arbeitet für Magazine, dreht Musikvideos und Kampagnen.
Obere Reihe, von links: Pullover von Hermès, Shorts privat. Tüllkleid von Sies Marjan. Anzug von Acne Studios. T-Shirt und Hut privat. Schuhe von Adidas. Vorne, von oben nach unten: Roter Pullover von Chanel, Hose und Sandalen privat. Kariertes Hemd und Hose von Marni. Halskrause privat, Strickjacke von Marina Rinaldi. Foto: Emma Le Doyen

Ansichtskarten sind die schönste Art, Hallo zu sagen – wie diese 13 Karten beweisen, auf denen Fotografinnen und Fotografen für uns ihr Paris inszeniert haben.

Text: Lara Fritzsche Styling: Samira Fricke Protokolle: Miriam Dahlinger und Svenja Meier

W

Wenn man im Urlaub ist und anderen mitteilen möchte, dass es einem gefällt – das Essen gut ist, die Leute nett und das Wetter hervorragend –, hat man einige Möglichkeiten. Man kann anrufen und davon erzählen, weder irre Roaminggebühren noch Netzschwierigkeiten hindern einen daran. Man kann eine SMS schicken, man kann eine MMS schicken, man kann es per WhatsApp mitteilen, mit Foto oder ohne, mit Tonaufnahme oder ohne, ausführlich oder knapp, täglich oder nur einmal. Man kann es auf Instagram posten, auf Twitter oder Facebook. Kurz: Es ist ein Wunder, dass es die Postkarte überhaupt noch gibt.

Klar, die Zeiten waren mal postkartenreicher. 1870 erfunden, waren sie der letzte Schrei, eine Demokratisierung der Mitteilung. Nicht nur der oben schickte per Nachricht nach dem Untergebenen. Nein, jede und jeder konnten jetzt Mitteilungen verschicken. Höhepunkt des Kartenschreibens war um die Jahrhundertwende, die Deutschen schrieben jährlich eine Milliarde Karten. Wobei »schreiben« nicht ganz richtig ist, sie verschickten zwar viele Karten, aber eine Fläche für eigenen Text gab es noch nicht. Langsam kamen in den Nullerjahren des 20. Jahrhundert kleine Notizflächen hinzu, nachdem Herstellern aufgefallen war, dass die Menschen anfingen, auf die Fotos zu kritzeln. Die Rückseite enthielt bis dato nur das Adressfeld. Dass man den Platz daneben im Grunde auch freigeben könnte, sodass die Absender ihre individuellen Erlebnisse schildern können, musste sich erst durchsetzen. Zunächst erschien das nicht vorstellbar: Wer wollte schon von einem Einzelnen wissen, wie seine Reise so läuft, wo das Foto seinen Aufenthaltsort doch einwandfrei abbildet? Klar, dass eine Kulturgeschichte der Postkarte ein Lehrstück über den Individualismus ist. Und vielleicht nur folgerichtig, dass diese Geschichte bei individualisierten Postkarten landen wird.

»Emmas und meine Idee war es, uns gegenseitig zu fotografieren. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man im Hintergrund Emma und meine Mutter Susan. Im Café ›L’Escale‹ auf der Île Saint-Louis, einer Insel in der Seine mit Blick auf die Rückseite von Notre-Dame, steckt viel Pariser Lebensgefühl. Menschen kommen auf einen Sprung ins ›L’Escale‹, um für den Zeitraum eines Kaffees innezuhalten und die Aussicht auf die Brücke Pont de la Tournelle zu genießen. An der Wand links hängen Zeichnungen meines Freundes Artus de Lavilléon, der viele Jahre lang über dem Café gewohnt hat.«  David Luraschi, geboren 1981 als Sohn US-amerikanischer Eltern in Paris, kehrte nach gut zehn Jahren in San Francisco und der Schweiz 2013 nach Paris zurück. Er fotografiert Mode für Magazine wie die amerikanische »Vogue« und für Marken wie Nina Ricci.  Karierter anzug von Ermenegildo Zegna, Schuhe privat. Türkises Kleid und Hose von Jil Sander, Schuhe von Nodelato.
»Emmas und meine Idee war es, uns gegenseitig zu fotografieren. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man im Hintergrund Emma und meine Mutter Susan. Im Café ›L’Escale‹ auf der Île Saint-Louis, einer Insel in der Seine mit Blick auf die Rückseite von Notre-Dame, steckt viel Pariser Lebensgefühl. Menschen kommen auf einen Sprung ins ›L’Escale‹, um für den Zeitraum eines Kaffees innezuhalten und die Aussicht auf die Brücke Pont de la Tournelle zu genießen. An der Wand links hängen Zeichnungen meines Freundes Artus de Lavilléon, der viele Jahre lang über dem Café gewohnt hat.«
David Luraschi, geboren 1981 als Sohn US-amerikanischer Eltern in Paris, kehrte nach gut zehn Jahren in San Francisco und der Schweiz 2013 nach Paris zurück. Er fotografiert Mode für Magazine wie die amerikanische »Vogue« und für Marken wie Nina Ricci.
Karierter anzug von Ermenegildo Zegna, Schuhe privat. Türkises Kleid und Hose von Jil Sander, Schuhe von Nodelato. Foto: David Luraschi
»Die Rue du Faubourg St. Martin im 10. Arrondissement, in der Paola ihren Afroshop betreibt, ist wie eine Tür in die Zukunft von Paris. Vor ihrem Laden, unweit des Gare du Nord, sitzen vor allem Männer, drinnen regieren die Frauen. Sie plaudern über Frisuren und Mode, singen laut zu Céline Dion und Whitney Houston. Die Frau in Türkis ist meine Freundin Nicole. Sie ist Sängerin der Punkband 10Lec6 und hat mir Paola vorgestellt. Die beiden haben nicht viel mit dem Bild der typischen Pariserin im Trenchcoat zu tun. Für mich ist die Pariserin im Trench-coat sowieso nur eine Karikatur. Paola und Nicole sind für mich echte Pariserinnen: schön, bunt, stolz und ein bisschen over the top.«  Die Pariserin Camille Vivier, 41 Jahre alt, arbeitet an der Grenze zwischen Mode- und Kunstfotografie.  Mäntel und Schuhe von Balenciaga. Leggings und Ohrringe privat.
»Die Rue du Faubourg St. Martin im 10. Arrondissement, in der Paola ihren Afroshop betreibt, ist wie eine Tür in die Zukunft von Paris. Vor ihrem Laden, unweit des Gare du Nord, sitzen vor allem Männer, drinnen regieren die Frauen. Sie plaudern über Frisuren und Mode, singen laut zu Céline Dion und Whitney Houston. Die Frau in Türkis ist meine Freundin Nicole. Sie ist Sängerin der Punkband 10Lec6 und hat mir Paola vorgestellt. Die beiden haben nicht viel mit dem Bild der typischen Pariserin im Trenchcoat zu tun. Für mich ist die Pariserin im Trench-coat sowieso nur eine Karikatur. Paola und Nicole sind für mich echte Pariserinnen: schön, bunt, stolz und ein bisschen over the top.«
Die Pariserin Camille Vivier, 41 Jahre alt, arbeitet an der Grenze zwischen Mode- und Kunstfotografie.
Mäntel und Schuhe von Balenciaga. Leggings und Ohrringe privat. Foto: Camille Vivier
»Der erste Ort, den ich in Paris besucht habe, war der Friedhof Père Lachaise im 20. Arrondissement. Dort ist auch das Grab von Allan Kardec, der als Begründer des modernen Spiritismus gilt. Zu dem Bild wurde ich von den Schwestern Leah, Margarete und Catherine Fox angeregt, amerikanischen Geisterbeschwörerinnen aus dem 19. Jahrhundert. Sie behaupteten, in ihren Séancen durch Klopfzeichen mit Verstorbenen in Kontakt treten zu können. Ich habe für mein Bild mit der Künstlerin Bianca O’Brien zusammengearbeitet, meiner Muse. Ich musste ihr nicht sagen, wie sie sich bewegen oder posieren soll. Bianca wollte keine Atmosphäre aus der Vergangenheit kopieren, sondern dem Bild eine zeitgemäße, sinnliche Note geben.«  Jérôme Sessini, geboren 1968 in Raon-L’Étape in den Vogesen, ist Magnum-Fotograf und hat als solcher in den vergangenen Jahrzehnten Kriege und Konflikte im Irak, auf Haiti oder in Somalia dokumentiert.  Kleid von Yohji Yamamoto
»Der erste Ort, den ich in Paris besucht habe, war der Friedhof Père Lachaise im 20. Arrondissement. Dort ist auch das Grab von Allan Kardec, der als Begründer des modernen Spiritismus gilt. Zu dem Bild wurde ich von den Schwestern Leah, Margarete und Catherine Fox angeregt, amerikanischen Geisterbeschwörerinnen aus dem 19. Jahrhundert. Sie behaupteten, in ihren Séancen durch Klopfzeichen mit Verstorbenen in Kontakt treten zu können. Ich habe für mein Bild mit der Künstlerin Bianca O’Brien zusammengearbeitet, meiner Muse. Ich musste ihr nicht sagen, wie sie sich bewegen oder posieren soll. Bianca wollte keine Atmosphäre aus der Vergangenheit kopieren, sondern dem Bild eine zeitgemäße, sinnliche Note geben.«
Jérôme Sessini, geboren 1968 in Raon-L’Étape in den Vogesen, ist Magnum-Fotograf und hat als solcher in den vergangenen Jahrzehnten Kriege und Konflikte im Irak, auf Haiti oder in Somalia dokumentiert.
Kleid von Yohji Yamamoto Foto: Jérôme Sessini
»Schaue ich aus meinem Fenster, komme ich mir manchmal vor wie ein Tourist, der sich eine Postkarte aussucht. Ich kann das ganze 18. Arrondissement überblicken. Bis hoch in den zwölften Stock höre ich Rufe und Stimmen von der Straße in mir unbekannten Sprachen, Kindergeschrei, Polizeisirenen. In jeder anderen europäischen Hauptstadt würde mein Viertel wahrscheinlich weiter draußen liegen, aber hier in Paris ist es mittendrin. An jeder Ecke verkaufen Straßenhändler gefälschte Markenhandtaschen, der Schwarzmarkt boomt in dieser Gegend. Luxushandtaschen sind für mich der Inbegriff von Paris: traditionell, klassisch, zeitlos, aber längst nicht für jeden greifbar.«   Thomas Mailaender, geboren 1979 in Marseille, ist Multimediakünstler und lebt seit 20 Jahren in Paris.  »Kelly Bag« von Hermès. Teppich privat.
»Schaue ich aus meinem Fenster, komme ich mir manchmal vor wie ein Tourist, der sich eine Postkarte aussucht. Ich kann das ganze 18. Arrondissement überblicken. Bis hoch in den zwölften Stock höre ich Rufe und Stimmen von der Straße in mir unbekannten Sprachen, Kindergeschrei, Polizeisirenen. In jeder anderen europäischen Hauptstadt würde mein Viertel wahrscheinlich weiter draußen liegen, aber hier in Paris ist es mittendrin. An jeder Ecke verkaufen Straßenhändler gefälschte Markenhandtaschen, der Schwarzmarkt boomt in dieser Gegend. Luxushandtaschen sind für mich der Inbegriff von Paris: traditionell, klassisch, zeitlos, aber längst nicht für jeden greifbar.«
Thomas Mailaender, geboren 1979 in Marseille, ist Multimediakünstler und lebt seit 20 Jahren in Paris.
»Kelly Bag« von Hermès. Teppich privat. Foto: Thomas Mailaender
»Paris ist wie eingefroren in seiner Schönheit und seiner Geschichte. Das Viertel Goutte d’Or im Norden der Stadt ist eines der wenigen lebendigen Viertel. Für mich gehören die Städte den Menschen, die für sie schwitzen und weinen. In Goutte d’Or leben viele von ihnen. Yasmine, die junge Frau auf meinem Bild, wurde an der Elfenbeinküste geboren und kam mit ihrer Familie nach Paris, als sie vier war. Trotzdem ist sie sich ihrer französischen Identität ganz sicher. Sie gehört ganz zu Paris, zu dem, was Frankreich heute ist.«  Antoine d’Agata, 58, kommt aus Marseille und ist seit seinem 18. Lebensjahr als Fotograf tätig. Er wird von der Agentur Magnum vertreten und porträtiert Menschen am Rande der Gesellschaft. Ist er in Paris, schläft er oft bei Magnum im Büro auf dem Sofa.  Kleid von Alexander McQueen. Kopftuch und Ohrring privat.
»Paris ist wie eingefroren in seiner Schönheit und seiner Geschichte. Das Viertel Goutte d’Or im Norden der Stadt ist eines der wenigen lebendigen Viertel. Für mich gehören die Städte den Menschen, die für sie schwitzen und weinen. In Goutte d’Or leben viele von ihnen. Yasmine, die junge Frau auf meinem Bild, wurde an der Elfenbeinküste geboren und kam mit ihrer Familie nach Paris, als sie vier war. Trotzdem ist sie sich ihrer französischen Identität ganz sicher. Sie gehört ganz zu Paris, zu dem, was Frankreich heute ist.«
Antoine d’Agata, 58, kommt aus Marseille und ist seit seinem 18. Lebensjahr als Fotograf tätig. Er wird von der Agentur Magnum vertreten und porträtiert Menschen am Rande der Gesellschaft. Ist er in Paris, schläft er oft bei Magnum im Büro auf dem Sofa.
Kleid von Alexander McQueen. Kopftuch und Ohrring privat. Foto: Antoine d'Agata
»Paris wird von der Architektur dominiert, der Mensch wird zu einem Accessoire in der Stadtlandschaft. Ich wollte die Linien und Formen der Stadt in den Vordergrund rücken und habe für das Model Ambre monochrome Kleidung gewählt, die mit der Umgebung verschmilzt. Das Foto ist im Jardin des Tuileries vor dem Louvre entstanden. Ich habe das Bild am frühen Morgen aufgenommen, als Paris noch schlief, damit niemand von der Landschaft im Hintergrund ablenkt.«  Lise Sarfati ist Französin und wurde in Oran, Algerien, geboren. In den Neunzigerjahren lebte sie in Russland, danach vor allem in den USA – und seit Kurzem in Paris. Sarfati porträtiert bevorzugt Frauen.   Strickjacke von Rouje Paris. Jeansshorts von Levi's. Socken von Esprit. Schuhe privat.
»Paris wird von der Architektur dominiert, der Mensch wird zu einem Accessoire in der Stadtlandschaft. Ich wollte die Linien und Formen der Stadt in den Vordergrund rücken und habe für das Model Ambre monochrome Kleidung gewählt, die mit der Umgebung verschmilzt. Das Foto ist im Jardin des Tuileries vor dem Louvre entstanden. Ich habe das Bild am frühen Morgen aufgenommen, als Paris noch schlief, damit niemand von der Landschaft im Hintergrund ablenkt.«
Lise Sarfati ist Französin und wurde in Oran, Algerien, geboren. In den Neunzigerjahren lebte sie in Russland, danach vor allem in den USA – und seit Kurzem in Paris. Sarfati porträtiert bevorzugt Frauen.
 Strickjacke von Rouje Paris. Jeansshorts von Levi's. Socken von Esprit. Schuhe privat. Foto: Lise Sarfati
»Die Vororte von Paris werden oft als dunkel und gewalttätig dargestellt. Ich wollte ein positives Bild dagegenhalten. Die junge Frau auf meinem Bild heißt Farah Taouza-Chikh, sie ist Tochter algerischer Einwanderer und in den Vororten groß geworden. Ihre Geste sagt: ›Auch wir sind Pariser, obwohl wir weit weg vom Eiffelturm leben.‹ Im Zentrum der Stadt regiert das Geld. Dort ist das Leben restriktiv und durchreguliert. In den Vororten ist das anders. Sie sind arm, aber es gibt Raum, um frei und kreativ zu sein. Der Parc Georges-Valbon im Vorort La Courneuve, in dem das Bild entstand, ist ein demokratischer Ort. Jeder ist dort willkommen. Für die Zukunft gefällt mir die Vorstellung eines großen Paris, in dem Vororte und Zentrum weiter zusammenwachsen.«  Maciek Pozoga lebt in Paris und arbeitet als Modefotograf.  Top von Miu Miu. Hose von Y/Project. Gürtel von Loewe. Schuhe von Converse. Armreife privat.
»Die Vororte von Paris werden oft als dunkel und gewalttätig dargestellt. Ich wollte ein positives Bild dagegenhalten. Die junge Frau auf meinem Bild heißt Farah Taouza-Chikh, sie ist Tochter algerischer Einwanderer und in den Vororten groß geworden. Ihre Geste sagt: ›Auch wir sind Pariser, obwohl wir weit weg vom Eiffelturm leben.‹ Im Zentrum der Stadt regiert das Geld. Dort ist das Leben restriktiv und durchreguliert. In den Vororten ist das anders. Sie sind arm, aber es gibt Raum, um frei und kreativ zu sein. Der Parc Georges-Valbon im Vorort La Courneuve, in dem das Bild entstand, ist ein demokratischer Ort. Jeder ist dort willkommen. Für die Zukunft gefällt mir die Vorstellung eines großen Paris, in dem Vororte und Zentrum weiter zusammenwachsen.«
Maciek Pozoga lebt in Paris und arbeitet als Modefotograf.
Top von Miu Miu. Hose von Y/Project. Gürtel von Loewe. Schuhe von Converse. Armreife privat. Foto: Maciek Pozoga

Aber noch mal der Reihe nach. Die Zahl der Postkarten nahm ab, nachdem sie zunächst nach Erfinden immens gewesen war. Interessanterweise entsteht der größte Knick nicht in den Neunzigern oder Nullerjahren unseres Jahrhunderts, parallel zur Digitalisierung der Welt, sondern bereits in den 1950ern. Da halbierte sich plötzlich die Zahl der verschickten Ansichtskarten. Danach ging es weiter stets bergab; aber nicht mehr so rasant. 2014 waren es 210 Millionen Karten pro Jahr, 2017 noch 195 Millionen Karten.

Wissenschaftler von der Universität Zürich und der Technischen Universität Dresden haben den Umgang der Menschen mit der Postkarte erforscht. So klingt das dann: »Textsortenentwicklung zwischen Standardisierung und Variation: das Beispiel der Ansichtskarte. Text- und korpuslinguistische Untersuchungen zur Musterhaftigkeit priva­ter Fern- und Alltagsschriftlichkeit«. Laut dieser Forscher kann man der Gesellschaft dort am besten in die Seele blicken, wo sie entspannt (weil im Urlaub), aber sozial erwünscht (kann immerhin jeder lesen) vor sich hin standardisiert (»Wetter gut«). Sie nennen das »Stegreif-Schriftlichkeit«.

Die Ergebnisse: In Postkarten geht es meistens um die Unterkunft, das Essen und das Wetter, meist wird noch eine Aktivität genannt. Wie man all das dann findet, ist natürlich Ansichtssache (deswegen vielleicht: Ansichtskarte), aber die meisten finden das meiste »gut«. Beziehungsweise wunderschön oder wunderbar. Denn während die erste Erkenntnis ziemlich einleuchtend ist, ist die zweite und textanalytische schon aussagekräftiger: Früher – also bis in die Siebzigerjahre – war im Urlaub alles »gut«. Das Wetter: gut, das Essen: gut, das Hotel: auch gut. Heute ist natürlich alles viel toller, positivere Wörter werden gewählt; wundervoll, wunderbar, fantastisch. Noch etwas: Die Verwendung des Wortes »genießen« ist im Untersuchungszeitraum von 1950 bis 2014 auffällig stark angestiegen. Alles wird plötzlich genossen. Ist ja irgendwie auch klar, wenn’s doch so wunderbar ist.

Ein Thema ist über die Jahre komplett von der Postkarte verschwunden; die Anreise. Wurde früher ausgiebig von dem Weg an den Reiseort erzählt, ist das Einchecken, Abfliegen und Landen heute wohl schlicht zu uninteressant, um berichtet zu werden. Noch etwas ist neu: Die digitale Kommunikation hat die Postkarte zwar nicht ersetzt, aber beeinflusst. Ein gewisser Stakkato-Ton (»Hier alles super«) und WhatsApp-übliche Abkürzungen haben Einzug gehalten, selbst Emojis aus Satzzeichen werden hinzugefügt.

Auch auf der Bildseite änderten sich die Dinge; wurden in den 1930er-Jahren noch Autos in Straßenzüge hineinretouchiert, um sie moderner wirken zu lassen, werden heute Strommasten aus den Bildern entfernt, um Orte idyllischer wirken zu lassen, erzählt der Direktor der Kartensammlung in der Österreichischen Nationalbibliothek, Jan Mokre.

Am Ende der Kulturgeschichte der Postkarte landet man beim individualisierten Modell. Postkarten, die heute funktionieren, sind persönlicher und wahrhaftiger. Fotografen und Fotografinnen in Paris haben für das SZ-Magazin ihre Lieblingsorte der Stadt zur Karte gemacht. Das können Reisende heute auch selbst erledigen. Auf Service-Seiten im Internet kann der Urlauber – entgegen dem Trend – aus Digitalem etwas Analoges machen und noch am Reiseort sein schönstes Fotomotiv hochladen; daraus wird dann eine Karte gedruckt, mit dem eingetippten Text versehen und ganz gewöhnlich mit der Post über Land verschickt – um am Ende an einem Kühlschrank bei Freunden auszubleichen, wie es sich für eine Ansichtskarte gehört. Da macht die Deutsche Post inzwischen sogar selbst mit.

Und noch eine Nische funktioniert: Die Party-Karte. Sie funktioniert wie früher die Plakette auf dem Wanderstock. Es gab sie bei der Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg 2017, der Saisoneröffnung des 1. FC Köln für die aktuelle Bundesligaspielzeit, jedes Jahr beim Dortmunder Weihnachtsmarkt mit dem aktuellen Christbaum oder beim vergangenen Wacken-Festival – von dort verschicken 75 000 Festivalbesucher immerhin 10 372 Postkarten. Heißt: Solange nur der Anlass wundervoll, wunderbar, fantastisch genug ist, werden auch noch Karten geschrieben, die dann mit aktuellem ­Motiv oder sogar anlassbezogenem Sonderstempel und passender Briefmarke eben mehr sind als ein Gruß per SMS, sondern ein greifbarer Hinweis: Ich war dabei.

Schönstes Beispiel der Literaturgeschichte zum Thema »Individualisierte Karte mit anlassbezogener Prägung« unter dem Motto: »Ich war dabei«? Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke verbrachten einmal einen Sommer in Wolfratshausen in der Lutz-Villa, sie waren verliebt und nahmen sich Zeit für einander, dafür schlossen sie die Fensterläden. Besondere Läden, die kleine Löcher in Form von Sternen hatten und dem Paar einen dunklen Raum mit sprenkel-sternenhaftem Lichteinfall schenkten. Als er sie später auf Reisen vermisste, schickte er eine Karte: ganz schwarz mit kleinem weißem Stern darauf, da muss man dann auch nichts mehr dazuschreiben.

»Paris war für mich lange eine Zeichnung in der Küche meiner Großmutter: eine Illustration von Francisque Poulbot, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das ärmliche Leben der Kinder auf dem Montmartre zeichnete. Heute wird seine Kunst als Kitsch angesehen, in Montmarte kann man sie an jeder Straßenecke kaufen. Seinetwegen bin ich für mein Bild mit dem Model Louise Follain auf die Treppen der Sacré-Cœur gestiegen. Louise erinnert mich an französische Schönheiten wie Françoise Hardy. Mit diesem Klischee wollte ich spielen und es mir zu eigen machen. Das Selfie symbolisiert für mich, wie Menschen sich heute in einer Stadt wie Paris verhalten.«  Paul Rousteau, geboren 1985 in Beauvais in Nordfrankreich, fotografiert für Magazine wie »Harper’s Bazaar« und stellt in Galerien aus.  Kleid von Louis Vuitton
»Paris war für mich lange eine Zeichnung in der Küche meiner Großmutter: eine Illustration von Francisque Poulbot, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts das ärmliche Leben der Kinder auf dem Montmartre zeichnete. Heute wird seine Kunst als Kitsch angesehen, in Montmarte kann man sie an jeder Straßenecke kaufen. Seinetwegen bin ich für mein Bild mit dem Model Louise Follain auf die Treppen der Sacré-Cœur gestiegen. Louise erinnert mich an französische Schönheiten wie Françoise Hardy. Mit diesem Klischee wollte ich spielen und es mir zu eigen machen. Das Selfie symbolisiert für mich, wie Menschen sich heute in einer Stadt wie Paris verhalten.«
Paul Rousteau, geboren 1985 in Beauvais in Nordfrankreich, fotografiert für Magazine wie »Harper’s Bazaar« und stellt in Galerien aus.
Kleid von Louis Vuitton Foto: Paul Rousteau
»In Paris kann man fast überallhin zu Fuß gehen. Nach Romainville fährt man aber besser mit der Métro. Der Geruch in der Métro – das ist für mich Paris. Die Stadt hat eine sehr dunkle Seite jenseits der Klischees. Romainville ist friedlicher, es liegt acht Kilometer östlich vom Stadtzentrum und ist Teil des Infrastruktur-Projekts ›Grand Paris‹. Paris rückt seitdem immer näher an Romainville heran, wo ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern wohne und wo dieses Familienfoto entstanden ist. Madoka ist Japanerin, ich komme aus Norwegen, in Paris haben wir uns kennengelernt: Die Stadt ist Teil unserer Geschichte geworden.«  Ola Rindal, 48 Jahre alt, stammt aus Fåvang in Norwegen und lebt seit 18 Jahren in Paris. 2017 veröffentlichte er sein Fotobuch »Paris«.  Von links: Pullover-Kleid von Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood. Kleid von Jil Sander, Socken von Falke, Schuhe von Heschung. Jackett von Max Mara, Hose von Arket, Schuhe von Birkenstock, T-Shirt privat.
»In Paris kann man fast überallhin zu Fuß gehen. Nach Romainville fährt man aber besser mit der Métro. Der Geruch in der Métro – das ist für mich Paris. Die Stadt hat eine sehr dunkle Seite jenseits der Klischees. Romainville ist friedlicher, es liegt acht Kilometer östlich vom Stadtzentrum und ist Teil des Infrastruktur-Projekts ›Grand Paris‹. Paris rückt seitdem immer näher an Romainville heran, wo ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern wohne und wo dieses Familienfoto entstanden ist. Madoka ist Japanerin, ich komme aus Norwegen, in Paris haben wir uns kennengelernt: Die Stadt ist Teil unserer Geschichte geworden.«
Ola Rindal, 48 Jahre alt, stammt aus Fåvang in Norwegen und lebt seit 18 Jahren in Paris. 2017 veröffentlichte er sein Fotobuch »Paris«.
Von links: Pullover-Kleid von Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood. Kleid von Jil Sander, Socken von Falke, Schuhe von Heschung. Jackett von Max Mara, Hose von Arket, Schuhe von Birkenstock, T-Shirt privat. Foto: Ola Rindal
»Vor dem Fenster meiner ersten Wohnung in Paris lag der Barc des Buttes-Chaumont. Dieser Ausblick war der erste Eindruck, den ich von der Stadt hatte. Ich war 22, als ich nach Paris zog, gerade mit der Uni fertig und musste mich als Fotograf behaupten. Mit meinem Bild wollte ich meine damalige Unschuld zeigen – und das Pariser Selbstbewusstsein, das ich mir seitdem erarbeiten musste. Bela, der Junge auf dem Bild, ist eigentlich zu klein, um im Anzug und mit Gel in den Haaren durch die Straßen von Paris zu streunen. Die Muschel nimmt er wie eine Trophäe überall mit hin. Ich nenne das Bild  Haargel, Muschel und Selbstbewusstsein . Ein Stil, ein Objekt und ein Gefühl.«  Charles Negre, 1988 in Mâcon geboren, studierte in Lausanne, ehe er nach Paris zog. Er bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst- und Modefotografie.  Anzug und Hemd von Prada. Schuhe und Gürtel privat.
»Vor dem Fenster meiner ersten Wohnung in Paris lag der Barc des Buttes-Chaumont. Dieser Ausblick war der erste Eindruck, den ich von der Stadt hatte. Ich war 22, als ich nach Paris zog, gerade mit der Uni fertig und musste mich als Fotograf behaupten. Mit meinem Bild wollte ich meine damalige Unschuld zeigen – und das Pariser Selbstbewusstsein, das ich mir seitdem erarbeiten musste. Bela, der Junge auf dem Bild, ist eigentlich zu klein, um im Anzug und mit Gel in den Haaren durch die Straßen von Paris zu streunen. Die Muschel nimmt er wie eine Trophäe überall mit hin. Ich nenne das Bild Haargel, Muschel und Selbstbewusstsein. Ein Stil, ein Objekt und ein Gefühl.«
Charles Negre, 1988 in Mâcon geboren, studierte in Lausanne, ehe er nach Paris zog. Er bewegt sich an der Schnittstelle von Kunst- und Modefotografie.
Anzug und Hemd von Prada. Schuhe und Gürtel privat. Foto: Charles Negre
»Wir sind seit Kurzem Eltern. Unsere Tage beginnen nun morgens um sechs, wir füttern und baden unseren Sohn Maurice, gehen im Square Louvois hinter unserem Haus spazieren, manchmal stöbern wir sonntags auf dem Flohmarkt nach Möbeln. Unser Freund Alexandre Guirkinger, Künstler und Fotograf, nahm das Foto an einem schwülen Nachmittag auf. Die Stimmung war gelöst, Maurice war dabei wegzudösen. Wir wollten ein alltägliches Paris zeigen.«  Jean-Baptiste Talbourdet-Napoleone, 33, aus Brive und die Pariserin Lolita Jacobs, 30, lernten sich vor acht Jahren in einem Club kennen. Sie arbeiten seit 2018 zusammen in ihrer Kreativagentur Jacobs+Talbourdet-Napoleone. Talbourdet-Napoleone ist auch Creative Director von »M«, dem Magazin von »Le Monde«.  Von links: Jean-Baptistes und Maurices Outfit privat. Kleid und Bustier von Jil Sander, Schmuck privat.
»Wir sind seit Kurzem Eltern. Unsere Tage beginnen nun morgens um sechs, wir füttern und baden unseren Sohn Maurice, gehen im Square Louvois hinter unserem Haus spazieren, manchmal stöbern wir sonntags auf dem Flohmarkt nach Möbeln. Unser Freund Alexandre Guirkinger, Künstler und Fotograf, nahm das Foto an einem schwülen Nachmittag auf. Die Stimmung war gelöst, Maurice war dabei wegzudösen. Wir wollten ein alltägliches Paris zeigen.«
Jean-Baptiste Talbourdet-Napoleone, 33, aus Brive und die Pariserin Lolita Jacobs, 30, lernten sich vor acht Jahren in einem Club kennen. Sie arbeiten seit 2018 zusammen in ihrer Kreativagentur Jacobs+Talbourdet-Napoleone. Talbourdet-Napoleone ist auch Creative Director von »M«, dem Magazin von »Le Monde«.
Von links: Jean-Baptistes und Maurices Outfit privat. Kleid und Bustier von Jil Sander, Schmuck privat. Foto: Alexandre Guirkinger
»Ich war schon in Paris, da waren die Mauern von Notre-Dame und die Opéra Garnier noch schwarz. Vor etwa 20 Jahren wurden sie dann renoviert und weiß gestrichen. Paris hat seine Farbe verloren, aus dunkel und Schwarz wurden Weiß und hell. Das hat auch die Art verändert, die Stadt zu fotografieren: Der Passant, die Straße, die Pfütze, das sind für mich Reste des alten Paris. Die besten Fotos entdecke ich plötzlich – manchmal schon während ich sie mache, manchmal fallen sie mir erst auf, wenn ich die Bilder hinterher durchgehe und auswähle.«  Gueorgui Pinkhassov wurde 1952 in Moskau ­geboren. Er lebt in Paris, ist dort Mitglied der Agentur Magnum und bereist die Welt als Reportagefotograf.  Kleid mit weißem Kragen von Celine.
»Ich war schon in Paris, da waren die Mauern von Notre-Dame und die Opéra Garnier noch schwarz. Vor etwa 20 Jahren wurden sie dann renoviert und weiß gestrichen. Paris hat seine Farbe verloren, aus dunkel und Schwarz wurden Weiß und hell. Das hat auch die Art verändert, die Stadt zu fotografieren: Der Passant, die Straße, die Pfütze, das sind für mich Reste des alten Paris. Die besten Fotos entdecke ich plötzlich – manchmal schon während ich sie mache, manchmal fallen sie mir erst auf, wenn ich die Bilder hinterher durchgehe und auswähle.«
Gueorgui Pinkhassov wurde 1952 in Moskau ­geboren. Er lebt in Paris, ist dort Mitglied der Agentur Magnum und bereist die Welt als Reportagefotograf.
Kleid mit weißem Kragen von Celine. Foto: Gueorgui Pinkhassov

Illustration: Grafilu

bekommt keine eigenen Postkarten mehr, weil alle nur noch an ihr Kind adressiert sind. Manchmal, wenn sie dem kleinen Sternchen ganz ­unten in der Ecke folgt, entdeckt sie ein zweites Sternchen und dahinter dann: »Grüß mir Deine Mutter.«

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