Ich erinnere mich genau an mein erstes Messer. Eigentlich gehörte es meinem Onkel, aber nachdem ich es wochenlang bestaunt und immer wieder darum gebeten hatte, es in die Hand nehmen zu dürfen, meinte er eines Tages: »Weißt du was? Ich schenke es dir.« Das Messer war von miserabler Qualität, der Griff unsauber gearbeitet, die Klinge instabil, aber es steckte in einer hellbraunen ledernen Scheide, in die ein prächtiger Hirsch eingraviert war, und weil ich gerade in meiner Cowboy-und-Indianer-Phase steckte, konnte ich mir kein schöneres Geschenk vorstellen. Mit diesem Messer würde sich alles echter anfühlen, nun konnte ich Pfeile schnitzen und Fesseln durchtrennen. Eine Zeit lang holte ich es jeden Abend aus meinem Nachtkästchen, wog es in meiner Hand, betrachtete es. Niemals hätte ich jemanden damit bedroht. Es war mein persönlicher Schatz, mein unschuldiges Spielzeug.
GewaltverbrechenWie das Messer seine Unschuld verlor
Aus Heft 37/25
Lesezeit: 9 Min.

Messerangriffe auf Menschen sind in Deutschland trauriger Alltag geworden. Über einen Allerweltsgegenstand, der plötzlich nur noch bedrohlich erscheint.
Von Tobias Haberl
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