LangzeitbeziehungDie Lichterkette

Lesezeit: 9 Min.

Illustration: Marvin Traber

Es gibt Dinge, die begleiten uns über Jahre und Jahrzehnte. Manche von ihnen lieben wir, weil sie perfekt sind, andere, obwohl sie eigenwillig und abgenutzt sind. Eine Sammlung von Liebeserklärungen aus der Redaktion. Folge 146: Lisa McMinn über die Lichterkette.

Folge 146: Die Lichterkette

Ich hatte lange nach der passenden Wohnung gesucht. Nach einer, die sich für mich allein nicht zu groß anfühlen würde, die aber auch nicht gleich zu klein würde, falls ich nicht alleine bleibe. Als ich sie gefunden hatte und der Vertrag unterzeichnet war, packte ich sofort meine Sachen. Nicht alle, sondern nur einen Schlafsack, einen Waschbeutel, ein paar Klamotten und eine Lichterkette, die ich für Weihnachten gekauft hatte, aber in meiner alten Wohnung nicht mehr aufhängen wollte. Mit dieser Ausstattung wollte ich ein Wochenende lang Probewohnen, um ein Gefühl für mein neues Leben zu bekommen. Die Lichterkette fädelte ich um die gusseiserne Balustrade des Balkons. Sie war über vier Meter lang, die Glühbirnen so groß wie Tischtennisbälle. Birne für Birne fummelte ich sie durch das Gitter, so dass es schon dämmerte, als ich das Kabel durch die Balkontür nach drinnen verlegte und den Stecker in die Steckdose schob. Ich saß auf dem nackten Holzfußboden meines Wohnzimmers und schaute durch die geöffnete Tür nach draußen. Wie gemütlich es plötzlich war. Ihr Licht machte aus dem fremden Ort ein Zuhause.

Mit jeder neuen Jahreszeit erfüllte die Lichterkette eine neue Funktion. Im Frühling beleuchtete sie die Gesichter der Gäste, die zur Einweihungsparty kamen. Im Sommer verlängerte sie die Nächte, in denen der Mann, in den ich mich verliebte, und ich auf Sternschnuppen hofften. Und je näher der Winter rückte, desto mehr Lichterketten auf den umliegenden Balkonen ergänzten ihr laues Licht. Sie war nun nicht mehr die strahlendste von allen, aber ihre Stärke war ohnehin längst ihre Beständigkeit.

Mehr als zwei Jahre später hängt die Lichterkette noch immer. Manche Birnen leuchten noch das warme Licht eines Teelichts, aber in manchen hat sich Regenwasser gesammelt. Sie sind beschlagen; einige nahezu blind. Als ich vor Kurzem die Blumentöpfe frisch bepflanzte, die ebenfalls an der Balustrade hängen, überlegte ich, die Lichterkette abzunehmen. Im Frühling schalte ich sie ohnehin selten ein. Es ist noch zu kalt, um abends draußen zu sitzen, und meine Aufmerksamkeit gilt anderen Dingen: den Eichhörnchen in der Linde vor dem Balkon etwa, oder dem frischen Grün ihrer Blätter. Aber ich brachte es nicht übers Herz. Die Lichterkette hatte schon so viel gesehen. Wie ich einzog und mich einlebte, wie ich Möbel verrückte, Gardinen auf- und wieder abhängte, wie das Wohnzimmer erst ein Ess- und dann ein Arbeitszimmer und schließlich doch ein Multifunktions-Zimmer wurde, weil mein Freund einzog und wir Platz schaffen mussten – für ein Kinderzimmer.

Die Kette bleibt. Solange wir in der Wohnung alle einen Platz finden, wird auch die Lichterkette ihren behalten. Lisa McMinn

Folge 145: Die Joggingschuhe

Ich habe nichts gegen ein kräftiges Herz und Grundlagenausdauer, aber dafür joggen zu müssen erscheint mir jedes Mal als verdammt hoher Preis. Das einzig Schöne am Joggen sind für mich die Joggingschuhe, genauer gesagt: meine Joggingschuhe, nur meine. Sie sehen genauso aus wie ich sie schön finde – auf der Website des Herstellers konnte ich neun Elemente des Schuhs farblich selbstbestimmen, vom Schnürsenkel bis zur Untersohle, jeweils neun Farben hatte ich zur Auswahl. Ich habe zwar in Hessen Abitur gemacht, aber diese Mathe-Rechnung traue ich mir noch zu: 9×9×9×9×9×9×9×9×9=387.420.489. Es gibt für mein Paar Schuhe also mehr als 387 Millionen Varianten. Ich habe am Konfigurator eine knappe Viertelstunde rumprobiert, ich hätte natürlich auch viele Stunden, Tage, Monate knobeln können – aber schon jetzt habe ich das Gefühl: genau so sollen meine Schuhe aussehen, wohl niemand auf Erden wird ganz ähnliche Modelle tragen, wie schön. Meine Laufschuhe und ich, wir führen eine glückliche Langzeitbeziehung, aber manchmal denke ich beim Joggen über die rätselhafte Liebe zur Personalisierung von Dingen nach. Dass man sich ein maßgeschneidertes Bücherregal für ein Zimmer in der Dachschräge bauen lässt: sehr teuer, sehr verständlich. Dass manche Männer sich ihre Initialen aufs Oberhemd sticken lassen: absurd, aber noch psychologisch nachvollziehbar. Wo meine Fantasie endet: Autokennzeichen. Was genau sind die Beweggründe dafür, sich die eigenen Anfangsbuchstaben aufs Nummernschild drucken zu lassen? Kein fremder Verkehrsteilnehmer denkt sich irgendwas. Und deine Freunde und die Familie ahnen auch ohne Erkennungsbuchstaben, was du mit diesem Auto sein möchtest. Wie lange ich auch darüber nachdenke: Ich komme nicht drauf, welchen Sinn diese Autokennzeichen haben. Und kurz bevor ich über meine eigenen Schuhe tiefer zu grübeln beginne, ist die Joggingrunde vorbei – zum Glück. Timm Klotzek

Folge 144: Das Gärtchen

»Egal wie klein dein Garten ist, er gehört dir bis zum Himmel«, dieses Zitat habe ich in dem schönen Gartenbuch von Meike Winnemuth gelesen, und es ist nicht nur das Credo mancher Reihenhaus-Handtuchgarten-Besitzer, es ist auch mein Credo. Denn zu meinem großen Glück bin ich vor einigen Jahren zu einem kleinen Schrebergarten gekommen. Seitdem wuchert in meinem Leben nicht mehr nur die Miete (München!), sondern auch der Giersch. Und die Zaunwinde. Und der Löwenzahn.

Als wir das Gärtchen zum ersten Mal betraten, stand das Gras kniehoch. Farne und Moos wuchsen bis auf die Terrasse, deren Steinplatten in Folge des Frosts gebrochen waren. Sein Vorbesitzer war zu alt geworden, um ihn zu bestellen, nun durften wir. Die grobe Ordnung des Gartens war zu erkennen – und sie war perfekt. Ein schön gewachsener Apfelbaum im hinteren Teil, links ein wildes Beet für Blumen, rechts eine Fläche, auf der man Gemüse anbauen konnte, ganz vorne das Hüttchen – mit der Rückseite zum Weg, so dass ein Großteil des Gartens vor Blicken geschützt ist.

Mein inneres Auge vervollständigte sofort: Am Eingang machen wir einen Rosenbogen hin, die Terrasse bekommt ein Holzdeck, da ein Sandkasten, hier die Hängematte. Die Hütte streichen wir blau-weiß und zwischen den Bäumen spannen wir Wimpel.

Zur Vertragsunterzeichnung trug ich eine weiße Bluse – etwas unpassend, wenn man bedenkt, dass uns der Verwalter in Crocs und Unterhemd empfing und ich ein schmatzendes Kleinkind auf dem Arm hielt. Aber hier geschah nun mal Feierliches. Aus einem Leben in der Stadt wurde ein Leben in der Stadt und auf dem Land. Auf diesem Rasen würde mein Kind laufen lernen und Fußballspielen, zum ersten Mal zelten und, wenn alles gut läuft mit seinen Freunden Geburtstag feiern. Wir würden jäten, grillen, ruhen – und feststellen, dass ein Daumen erst mit der Zeit grün wird. Aussäen, hegen, hoffen und pflegen. Verdammt die Schnecken. Na, dann nächstes Jahr ein neuer Versuch.

Mein kleines grünes Rechteck hat mich seitdem vieles gelehrt, 15 Erkenntnisse aus sechs Jahren:

  • Geduld lohnt sich, aber was nicht gedeiht, hat vielleicht einfach den falschen Standort.
  • Geld mag die Welt regieren, aber Gärtnern geht fast ohne.
  • Für Lavendel braucht man sandigen, nicht lehmigen Boden.
  • Gartenmenschen sind gut im Teilen: Werkzeug, Ableger, Wissen…
  • Wenn die Glühwürmchen fliegen, ist der Sommer am schönsten.
  • Angießen kann man nie genug.
  • An wenig Geschenken hat man so lange Freude wie an Pflanzen.
  • Zurückschneiden lohnt sich fast immer, auch wenn der Frühjahrsschnitt, der sogenannte »Chelsea Chop«, jedes Mal Überwindung kostet.
  • Dreck unterm Nagel ist auch eine Maniküre.
  • Ein schönes Regenfass ist eine gute Investition.
  • Baumschnitt ist eine höhere Kunst, für die es sich lohnt, Profis zu beauftragen (Danke Papa)
  • Nacktschnecken lösen Hass in einem aus, den man nicht für möglich hält.
  • Wer Obst und Gemüse pflanzt, muss auch wissen, was er mit der Ernte macht.
  • In Wahrheit gehört der Garten den Tieren.
  • Erde gut, alles gut.

Folge 143: Der Schminkbeutel

Seit ich denken kann, schminke ich mich. Mein Schminkbeutel begleitet mich seitdem durchs Leben: ein türkisfarbener Stoffbeutel mit gelben Tigern und einem weißen Plastikfutter, das vor auslaufenden Flüssigkeiten schützt. Egal, wohin ich gehe, er ist immer dabei. Morgens scheint er mich mit seinem offenen Reißverschluss fragend anzusehen: Wie geht’s dir heute? Für mich ist das Schminken wie eine Yogaeinheit – eine Zeit nur für mich und meinen Beutel. Puder, Wimperntusche, Lippenpflege – alles folgt einer festen Reihenfolge, meiner »Make-up-Routine«, wie man das Schminken neuerdings in den sozialen Medien nennt. Und alles findet seinen Platz im Schminkbeutel. Er wohnt in meinen vielen Handtaschen und reist mit mir zu allen Lebensstationen. Man weiß ja nie, was das Leben bringt, ob ein Unwetter aufzieht oder plötzlich Harry Styles vor mir steht.

Manchmal schaut mein Sohn mir beim Schminken zu und fragt: »Ziehst du jetzt wieder dein Superheldinnen-Kostüm an?« Mein Make-up ist wie ein Schutzanzug, eine umgedrehte Tarnkappe, die mir das Gefühl gibt, vorbereitet zu sein. Ich weiß auch, woher meine Schminkleidenschaft kommt: Als junges Mädchen bewunderte ich Walt Disneys Ente Gundel Gaukeley, eine mächtige Hexe im Disney-Universum. Sie trat in einer Welt voller weißer, meist männlicher Enten als ernstzunehmende Gegnerin des superreichen, aber geizigen Dagobert Duck auf und trug ihre berühmten Bombastik-Buff-Bomben in der Handtasche. Obwohl sie gegen die Übermacht der weißen Entigkeit oft verlor, sah sie dabei immer fantastisch aus. Der Zeichner meiner Lieblingsente ließ sich von Morticia Addams, Sophia Loren und Gina Lollobrigida inspirieren – alle stark geschminkt.

Wenn ich meinen Schminkbeutel in der Handtasche spüre, denke ich an Gundels Buff-Bomben und ihre magischen Kräfte: Sie konnte teleportieren, Materie verwandeln, mit einem Betäubungsstrahl umgehen und Spiegel beschwören, um sich darin zu verstecken. Sogar die fiesen Panzerknacker hatten Respekt vor ihr! Ich glaube fest daran, dass ich ähnliche Superkräfte habe – zumindest, wenn ich geschminkt bin und meinen Schminkbeutel bei mir trage. Kerstin Greiner

Folge 142: Der »Tiny Tree«

In den letzten Monaten haben meine Frau und ich fünf Pflanzen gekillt, wobei man sagen muss, dass der Zustand einer sechsten kritisch ist. Bevor Sie uns jetzt verurteilen: In derselben Zeit haben wir ein Baby von etwas unter drei Kilogramm auf über acht gepäppelt, es brabbelt und strahlt den ganzen Tag, unsere Bilanz ist also trotzdem noch positiv. Überlebt haben neben dem Baby zudem erstens ein sogenanntes Elefantenohr, eine Topfpflanze, deren Blätter an die Ohren von Elefanten erinnern und die direkt neben dem Esstisch steht, weshalb sie manchmal einen übriggebliebenen Schluck Leitungswasser vom Mittagstisch abkriegt. Und zweitens ein sogenannter Tiny Tree, ein Mini-Bonsai von etwa vier Zentimetern Höhe, der als einziges pflanzliches Lebewesen in unserem Haushalt Verständnis zu haben scheint für die Strapazen der Elternschaft und einfach in den Überlebensmodus geschaltet hat. Wasser hat er jedenfalls keins gesehen im vergangenen Halbjahr.

Am liebsten hätte ich Ihnen diesen sehr robusten Tiny Tree nun konkret empfohlen, er war ein Geschenk zu unserer Hochzeit und die Schenkenden haben den gleichnamigen Laden wärmstens angepriesen. Er liegt in Berlin-Friedrichshain, der Verkäufer soll auf angenehme Art verschroben sein und hat nicht nur den Wunsch der Schenkenden bedacht, unten in die Erde des Mini-Baumes ein verliebtes Paar zu modellieren, sondern speziell dem Mann dieses Paares auch einen voluminösen Hintern verpasst, womit der Beschenkte aufs Korn genommen werden sollte, was gelungen ist. Leider ist der Laden laut Google geschlossen und die Domain steht zum Verkauf. Da mir soeben klar geworden ist, dass ich einen Tiny Tree im Fall der Fälle wohl nicht mehr nachkaufen kann, muss ich diese Kolumne nun leider beenden und ihm etwas Wasser geben. Marius Buhl

Folge 141: Die leere Schmuckschatulle

Oma Martha hat vor ihrem Tod Schmuck für ihre Enkelinnen gekauft. Bernsteinanhänger, Goldketten und den schönsten Smaragdring, den ich je gesehen habe. In meine Holzschatulle legte sie noch ein paar Pfennig, damit ich genau gleich viel bekam wie meine Schwester. Das war ihr gesamtes Erspartes – unser Erbe. 30 Jahre später verlor ich alles, als Einbrecher meine Wohnung durchwühlten.

Kleidung und Papier auf dem Boden, herausgerissene Schubladen, Spuren von Schwarzpulver. Es ist ein ohnmächtiges Gefühl, wenn sich jemand gewaltsam Zugriff zum eigenen Zuhause verschafft. Man verliert nicht nur Dinge und ihren Gegenwert. Der Schmuck war eine greifbare Verbindung zu meiner Großmutter, mit der ich die Welt nur zwei Jahre lang geteilt hatte. Im Chaos fand ich allein die Schatulle – außen Walnussholz, innen grüner Samt. Ich würde heute noch meinen halben Besitz eintauschen, um den Inhalt wiederzubekommen. Doch etwas Sonderbares ist passiert: Ich halte die leere Box jetzt viel öfter in der Hand als früher. Sie erinnert mich, dass nicht nur der Schmuck fehlt, sondern auch meine Oma und Papas Mutter. Der smaragdgrüne Ring hat eine Leerstelle hinterlassen, die ich füllen möchte. Also frage ich meinen Vater: Hatte Oma Martha Freundinnen? Fiel ihr der Umzug von der Stadt ins Dorf leicht? Wie hat sie Liebe gezeigt? Und mein Vater erzählt. Vielleicht kann man Erinnerung ja gar nicht erben. Man muss sie leben. Daniela Gassmann

Folge 140: Die Würfel

War es in der Tränenwüste? Auf der Insel der Purpurnen Städte? Wo genau ich diese Würfel das erste Mal warf, habe ich längst vergessen – aber nicht die Welt, in der es geschah: im Universum von Sturmbringer, wo ein verderbtes Volk von Dämonenbeschwörern und Drachenreitern seinem Aussterben entgegen dämmert, es Städte mit schreienden Statuen gibt, kochende Ozeane, geflügelte Menschen, ewige Helden. Diese Würfel – ein W6 und ein W8, wie sechs- und achtseitige Würfel im Sprech von Rollenspielen heißen – dienten damals simplen Dingen, wie den Schaden einer Waffe zu bestimmen, einer Streitaxt zum Beispiel. Rollenspiele sind eine Art Gesellschaftsspiel in Gedanken: Eine Gruppe Menschen schlüpft allein dank ihrer Vorstellungskraft in die Rolle fantastischer Wesen in fantastischen Welten. Die Spielregeln dabei nutzen Würfel, um zu bestimmen, ob eine Aktion glückt oder scheitert. Schnell entwickelten sich die Rollenspiele der Gruppe, in der ich damals anfing, weiter – diese Würfel steuerten nun Raumschiffe durch die Spinwärts-Marken, schossen im Sprawl von Seattle auf Straßen-Samurai mit Augen aus Chrom, jagten im Karneval von Middenheim geheimnisvolle Kultisten, die Tzeentch die Treue hielten, dem Wandler der Wege, hinterhältigster der Chaosgötter. Es ist seltsam: Es gibt nichts – keinen Sport, kein Hobby, keine Arbeit –, was ich im Leben schon länger mache als Rollenspielen. Mit manchen Menschen meiner Rollenspiel-Gruppe spiele ich seit fast 40 Jahren. Und diese Würfel waren immer dabei. Roland Schulz

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:Archiv: Langzeitbeziehung 101-139

Es gibt Dinge, die begleiten uns über Jahre und Jahrzehnte. Manche von ihnen lieben wir, weil sie perfekt sind, andere, obwohl sie eigenwillig und abgenutzt sind. Eine Sammlung von Liebeserklärungen aus der Redaktion. Folge 139: Max Fellmann über die Notizbücher.

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