Es ist ein Mittwoch Ende September, drei Wochen bevor wieder russische Raketen in Kiew einschlagen werden. Das »Musafir« in der Bohdan-Chmelnyzkyj-Straße im Herzen der Stadt war schon immer ein beliebtes Restaurant, aber im Krieg wurde es zu einem Symbol. Denn das »Musafir« machte einfach weiter: Es hielt auch im März, in den Wochen, als die Hauptstadt der Ukraine von russischen Truppen belagert und im Ausnahmezustand war, seine Türen offen und servierte weiter Kebab oder Linsensuppe oder Yantik, pikant gefüllte Pfannkuchen. Und so trafen sich hier auf zwei Etagen in einem unscheinbaren Hinterhof, im Hall des Bombenalarms, Politikerinnen und Politiker, Journalisten und Journalistinnen, Kunstschaffende und Anwohner, um Wichtiges zu besprechen, aber auch für ein paar Stunden Normalität. Außerdem belieferte das »Musafir« damals jeden Tag Hunderte Soldaten und in Not geratene Menschen. »Essenskrieger« wurden die Betreiber fortan genannt, sie gehören zur muslimischen Minderheit der Krimtataren.
Leben und Gesellschaft»Wie verrückt muss man sein, zu glauben, diese Stadt besetzen zu können?«
Aus Heft 44/22
Lesezeit: 42 Min.

Ständig in Todesgefahr und doch sehr lebendig: Wie behauptet sich die ukrainische Metropole Kiew im Krieg? Ein Stadtgespräch mit Bewohnerinnen und Bewohnern, die entschlossener sind, als sie vor der Belagerung je gedacht hätten.
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