Leben und GesellschaftWie uns die Hobbypsychologie den Kopf verdreht

Aus Heft 33/21

Lesezeit: 11 Min.

Die Vielschichtigkeit eines Charakters ist oft schwer zu durchschauen – erst recht  für den amateurhaften Blick.
Die Vielschichtigkeit eines Charakters ist oft schwer zu durchschauen – erst recht
für den amateurhaften Blick. Niklas Wesner

Alle analysieren sich gegenseitig, ständig hört man im Alltag von ­»toxischen Beziehungen« oder ­»Narzissten«. Ist die Blüte der Laiendiagnosen gut für die Seele?

Von Daniela Gassmann Illustrationen: Niklas Wesner

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Eine Zeit lang ging ich jeden Mittwoch in die Psychotherapie, und wenn ich die Praxistür öffnete, gelangte ich in eine andere Welt. Afrikanische Kunstfiguren, ein Tagesbett, dann unerträglich lange Gesprächspausen und das Fachvokabular meiner Analytikerin: Obwohl hier mein tiefstes Inneres betrachtet werden sollte, hatte das alles nichts damit zu tun, wie ich lebte, sprach und dachte. Manchmal musste ich auf dem Heimweg sogar Wörter im Internet nachschlagen, die ich vor der Stunde noch nie gehört hatte. In meinem Alltag vergaß ich sie wieder, diese Welt blieb fest verschlossen zurück. Heute aber scheint die Tür sperrangelweit offen zu stehen. Ich gehe nicht mehr in die Psychotherapie, die Psychotherapie kommt zu mir.

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