Ich sah den Heimatplaneten vom Fahrrad aus. Er stand neben einer Hofeinfahrt und war Teil eines kleinen »Zu verschenken«-Haufens. Ein paar Hundert Meter dauerte das Überlegen, dann drehte ich um und rettete die Welt. Seither steht der alte Globus im Flur neben unserem Spiegel. Er kommt aus München, weit unten im Stillen Ozean steht sein Markenzeichen: JRO Multi-Globus. Ein Landkartenverlag, 1922 in Schwabing gegründet, der zu seiner Hochphase, etwa zwischen 1950 und 1980, neben Straßen- und Landkarten auch 42 verschiedene Globusmodelle im Sortiment hatte, vom Schülerglobus bis zum repräsentativen Riesenglobus. 1992 wurde der Globushersteller JRO von einem anderen Verlag geschluckt, und etwa in dieser Zeit begann auch das allgemeine Interesse der Welt an der Welt als Modell langsam nachzulassen.
Spätestens die digitalen Karten, GPS und Google Earth auf jedem Handy haben den analogen Globus mit Handantrieb heute obsolet gemacht. Wer eine Reise plant, vielleicht sogar eine Weltreise, schaut dafür nicht auf den Globus, in den man nicht zoomen kann und der nicht gleich die gängigen Reiserouten anzeigt. Es gibt viel bessere Navigationswerkzeuge, die aber eines nicht machen: Sie gewähren nicht gleichzeitig den Blick auf das große Ganze. Sie spucken das gesuchte Ziel aus, zeigen den betreffenden Ausschnitt und berechnen die Route, erzählen aber nichts vom Planeten. Sie sind immer nur ein kleiner Teil – und sie alle sind nicht rund.
Der älteste erhaltene Globus entstand um 1492 herum in Nürnberg als »Erdapfel« und zeigte die Welt noch ohne Amerika. Dieser Behaim-Globus, benannt nach Martin Behaim, unter dessen Anleitung er gefertigt wurde, war ein innovatives Projekt, für das Handwerker und Kartografen mit dem Ziel zusammenarbeiteten, Händlern und Kaufleuten eine Vorstellung vom Erdenrund zu geben. Es muss für die Betrachter eine buchstäblich den Horizont sprengende Erfahrung gewesen sein: zum ersten Mal dreidimensional zu sehen, wie sich alles, was der Fall ist, auf dieser einen Kugel abspielt, mit Ober- und Unterseite, mit unvorstellbaren Weiten, nie erreichbaren Orten und so vielem, was man noch nicht kannte – ein Wahnsinn. Oder auch einfach das, was eine Sechsjährige heute wohl fühlt, wenn man ihr zum ersten Mal den Globus erklärt: Also, hier sind wir. Hier waren wir im Urlaub. Hier ist Harry Potter zur Schule gegangen. Da unten – furchtbar weit weg – wohnen die Pinguine. Das Blaue sind die Meere, das Gelbe sind die Wüsten, und das Ganze ist der großartige, perfekte und niemals in Worte zu fassende Planet, auf dem wir alle zusammen pausenlos durchs Weltall rasen. Der Sachverhalt hat eigentlich nichts von seiner Faszination verloren. Die Menschheit ist heute nur so furchtbar abgeklärt.
In den Jahrhunderten nach dem Nürnberger Erdapfel dienten Globen wissenschaftlichen, politischen, ideologischen und pädagogischen Zwecken und wurden immer kunstvoller, genauer und zahlreicher. Spätestens mit den Weltkriegen musste die Welt als Ganzes überall und immer im Blick sein. Der US-Hersteller Replogle trat in den Dreißigerjahren an, Privathaushalte mit Weltkugeln auszustatten, und produzierte zur Mitte des 20. Jahrhunderts angeblich eine Million davon pro Jahr. Replogle verkaufte sie überall dorthin, wo man die US-amerikanische Weltsicht teilte. Denn auch das waren Globen immer: Zeugen ihrer Herkunft und ihrer Zeit, Propagandaverstärker und Spielbälle der Weltherrscher. Wer darauf wie groß gezeigt wurde, welche Grenzen galten, welche Bezeichnungen, das legte das jeweilige System fest. Und was nicht drauf war, Insel, Landstrich, abtrünniges Gebiet, das gab es einfach nicht. Als derartiges Machtsymbol spielte der Globus auch in unzähligen Filmen eine Requisitenrolle, etwa bei Charlie Chaplin, als Jonglierball des großen Diktators, der ihn am Ende dann auch kaputtmacht. Wer im Film am Globus steht, sei es ein James-Bond-Bösewicht oder der Papst, der will die Erde beherrschen oder zumindest globale Entscheidungen treffen.
Seit der Globus von der Straße bei uns im Flur steht, treffe ich nicht unbedingt mehr globale Entscheidungen als früher. Aber ich sehe beim Nachhausekommen immer erst die alte kleine Welt und dann im Spiegel den alten großen Eigenkopf. Das ist ein unbeabsichtigter Effekt, aber eigentlich ist die Abfolge genau richtig: Erst kommt das Gemeinsame, dann das Ich. In unserer Gegenwart ist es längst andersherum, da regieren die Überpersonalisierung und der Egozentrismus. Wir sind es heute gewohnt, die Welt durch kleine Fenster zu sehen, die auf uns zugeschnitten sind. Ein Globus aber ist das Gegenteil von Personalisierung. Er zeigt, was alles gleichzeitig existiert, und macht bei jedem Blick klar, dass sich die Welt eben nicht um mich dreht.
Diese banale Erkenntnis könnte ruhig mal wieder zur Morgenroutine der Menschheit werden. Denn die Nachrichtenlage der vergangenen Jahre lässt ja genau das Gegenteil vermuten – Länder kämpfen nur noch für ihre Interessen, und selbst dort, wo es angeblich um die Rettung des Planeten geht, hat jeder Konferenzteilnehmer noch eine eigene Agenda. Haben wir verlernt, die Welt als zusammenhängenden Raum wahrzunehmen? Bräuchten wir einen Globus als Sehhilfe, um wieder die gemeinsame Verantwortung für das alles hier zu erkennen? In einer Zeit, in der sich die Horizonte der Menschen eher wieder verengen, in denen wieder gern nur bis zum Ende des eigenen Garten- oder Grenzzaunes gedacht wird, könnte die Weltkugel auf dem Schreibtisch und im Klassenzimmer jedenfalls nicht schaden. Sie wäre da eine Art Memento mundi, eine Erinnerung daran, dass wir alle immer noch im selben Boot sitzen. Denn auch wenn die Grenzen, Größen und Gebiete darauf veränderlich waren, so zeigte doch jeder Globus in den vergangenen 500 Jahren die Welt als Einheit in Kugelform. Aber selbst das wird heute ja von manchen angezweifelt.
Noch etwas schafft so eine Modell-Erde besser als jede digitale Karte: Sie vermittelt Relationen. Wie klein sich die europäischen Länder mit ihren Hauptstadtpünktchen zusammendrängen, wie dominant das Wasser auf der Welt ist, wie wenige bewohnbare Landstriche es eigentlich gibt. Aber auch wie nah Krisenregionen sind oder wie eng Länder aneinanderliegen, die ideologisch weit voneinander entfernt sind. Weiß man alles, ist trotzdem gut, es sich gelegentlich vor Augen zu halten. Der Globus ermöglicht eine kontemplative Weltbetrachtung, er ist im Grunde the bigger picture, von dem so oft die Rede ist.
Auch als Deko-Objekt ist der Globus heute nicht mehr häufig zu sehen, er ist aus den Interieurs und Regalen des Schönerwohnens irgendwie verschwunden, aus den Büros, Kinder- und Klassenzimmern sowieso, stattdessen wurden in die Amtsstuben wieder Kreuze gehängt. Dabei ist er neben allem anderen ein wunderschönes Accessoire, dieser Erdball mit seinen Formen und Farben, zumal wenn er von innen leuchtet. Früher gehörte in ein Herrenzimmer, in eine Bibliothek oder einen Salon neben einem polierten Messingfernrohr jedenfalls immer ein auf antik getrimmter Globus, vielleicht sogar mit integrierter Bar dort, wo eigentlich der Erdkern sein sollte. Es war ein klassisches Statussymbol, das seinen Besitzern einen Anstrich von dem geben sollte, was das Wort »weltläufig« meint: einen Blick für die großen Zusammenhänge zu haben und Verständnis dafür, dass es mehr gibt als nur dieses Herrenzimmer.
Vielleicht liegt es an diesen Assoziationen, dass ich mich in müden Momenten dabei ertappe, wie ich den kleinen Globus im Flur für überholt halte. Als wäre diese Weltkugel nur so eine alberne Idee von früher. Etwas wie ein ausgestopftes Tier von Opa, das man auf die Straße gestellt hat, weil man es nicht mehr zeitgemäß findet. Gegen solche Stimmungen hilft mir zuverlässig das Wort Heimatplanet. Und ja, es stimmt, wir brauchen den Globus heute nicht mehr, um die Welt zu erklären. Aber vielleicht brauchen wir ihn, um uns hier weniger verloren zu fühlen und uns selbst in der Welt zu verorten. Verorten, das geht mit dem ganz spitzen, kleinen Finger: Hier sind wir. Und groß mit beiden Händen: Hier sind alle anderen.

fand schon als Kind seinen ewigen Sehnsuchtsort auf dem Globus: die Bäreninsel, ein Niemandsland in arktischen Gewässern, das bestimmt voller Abenteuer steckt. Irgendwann da ein gelbes Zelt aufzuschlagen, das ist weiter der Plan.
