Vor Kurzem besuchte mich eine Freundin. Sie ist Schwedin, wir sehen uns selten, ich nahm mir ein paar Tage frei, um sie mit ihr zu verbringen. Am ersten Abend verabredeten wir uns mit einer anderen Freundin zum Essen. Die war traurig, dass sie nicht mehr Zeit mit uns hatte, ihre Arbeitswoche war voll. »Wollt ihr morgen bei mir übernachten?«, fragte sie. Einen Abend später standen wir mit Gesichtsmasken, Sekt und Aufregung beladen vor ihrer Tür. Wir aßen auf ihrem Balkon, unternahmen einen Nachtisch-Eis-Spaziergang und freuten uns, dass die Nacht noch nicht enden musste, sondern mit dem Ausbreiten der Matratzen auf dem Wohnzimmerboden erst richtig begann. Wir kuschelten uns nebeneinander. Irgendwann, als unsere Münder zu müde zum Reden wurden, schliefen wir ein, froh, die anderen ganz nah zu wissen. Am Morgen tapste ich in die Küche meiner Freundin. Aus dem Augenwinkel sah ich sie im Nebenraum schon aufrecht am Schreibtisch sitzen. Nach einer Weile bemerkte sie mich und kam rüber: »Cappuccino?« Das müssten wir viel öfter machen, dachte ich.
Beieinander zu übernachten, ist kostbar. Haben wir uns erst aus unseren Tages-Ichs geschält, die Attitüde der Draußen-Welt aus den Gesichtern gewaschen und uns in unsere Schlafanzüge gehüllt, ist der Umgang anders, vertrauter. Die innigsten Unterhaltungen sind die im Liegen. Im Dunkeln, flüsternd, vor dem Einschlafen. Oder kurz nach dem Aufwachen, mit verquollenen Augen, beim ersten Kaffee im Bett. Kein Wunder, dass das Liegen der Patienten ein zentrales Element von Freuds Psychoanalyse ist. Wer liegt, blickt ins Nichts, kann die Gedanken freier kreisen lassen.
Wer seine Freunde nie im Pyjama sieht, kenn nur deren Fassade
Als Kind war Übernachten für mich das Größte. Regelmäßig lud ich Freunde an den Wochenenden ein oder packte eine Zahnbürste, eine DVD und eine Tüte Chips in meinen Rucksack und verschwand für eine Nacht in die fabelhafte Welt des fremden Kinderzimmers. Zu den legendärsten Partys meines Lebens zählt mein zehnter Geburtstag – eine Übernachtungsparty. Wir durften meinen damaligen Lieblingsfilm (Die Wilden Kerle 2) glotzen und Hotdogs essen und konnten es kaum erwarten, endlich ins Bett zu gehen. Kinder in Schlafsäcken, auf dem Boden liegend, aneinandergereiht wie Löffelbiskuits. Licht aus. Wir kicherten uns durch die Nacht. Sie hatte etwas Magisches. Im Alter von zehn liegt noch die Spannung in der Luft, ob man das packt, eine Nacht weg von zu Hause. Ein Junge musste von seinen Eltern abgeholt werden. Es war fantastisch.
Auch als Teenie blieb ich häufig über Nacht bei Freundinnen. Unter der Decke teilten wir Geheimnisse, die nicht auf den Schulhof gehörten. Wir probierten die BHs der anderen an und diskutierten, ob wir Frauen sein wollten, die Tangas tragen – wir wollten. Dreierpack von H & M mit Spitze. Beim Flaschendrehen übten wir Zungenküsse. Beim Gläserrücken erschraken wir vor Geistern im Gewölbe. Die Nacht barg viel mehr als ein normaler Dienstagnachmittag. In einer Nacht schaffte man alle Twilight-Teile hintereinander. Man konnte ins Freibad einbrechen und zurückschleichen oder mit einem Gokart durch den McDrive fahren und Pommes bestellen. Und am Morgen wachte man neben Zeugen auf, die einem versicherten, dass all das wirklich passiert war. Übernachten war auch eine hervorragende Möglichkeit, strenge Eltern zu umgehen, die den Besuch der Dorfdisco verboten. Und wenn man mal bei einem Jungen schlief, sagte man natürlich, man übernachte bei einer Freundin.
Zum Erwachsenwerden gehört, Gewohnheiten wie Süßigkeiten essen, bis einem schlecht wird, aus vermeintlicher Vernunft aufzugeben und sich den Rest des Lebens darüber zu wundern, dass alles weniger spaßig ist. Übernachten zählt dazu. Warum hören Erwachsene eigentlich irgendwann damit auf? Eine Antwortet lautet: Je älter er wird, desto fester schnürt der Mensch sein Korsett aus Zwängen und Gewohnheiten. Es soll Menschen geben, die nur noch mit ihrem eigenen orthopädischen Kopfkissen schlafen können. Menschen mit einer sechsstufigen Gesichtsreinigungsroutine. Menschen, die einen laufenden Fernseher zum Schlummern brauchen.
Ab einem gewissen Alter und Gehalt gebietet es die Höflichkeit, ein Hotelzimmer zu buchen, man will ja keine Umstände machen. Aber geht es dabei wirklich um Respekt gegenüber dem Gastgeber? Oder überwiegt in Wahrheit das Bedürfnis, die eigene Würde zu wahren? Übernachten heißt, sich einander zuzumuten. Man ergibt sich dem Zuhause des anderen, seinem Geruch, Geschmack, seinen Geräuschen. Beim Übernachten fallen Hüllen und Hemmungen. Im Pyjama begegnet man sich weicher als gut gebügelt am Restauranttisch. Ehrlicher. Übernachten ist kein Termin. Übernachten ist mehr als zwei Stunden Dinner in den Feierabend quetschen, Neuigkeiten abhaken und dann die Rechnung, bitte. Ich möchte nicht nur die polierte Performer-Version meiner Freunde erleben. Ich will sie ungeschminkt, zerknittert und zerknautscht sehen – und sie mich. Selbst den Akt des Zähneputzens mag ich. Gespitzte Münder. Blicke im Spiegel. Jeder Mensch hat dieses Spiegelgesicht, das er nur macht, wenn er sich selbst betrachtet.
Wer hat entschieden, dass nur Liebhaber es verdienen, nebeneinander zu liegen? Klar, der Schlaf ist ein intimes Gebiet. Immerhin sind wir dabei bewusstlos. Schlafen heißt sich fallen lassen. Ist das nicht der größte Liebesbeweis? Ich zeige mich dir schutzlos. Ich vertraue mich dir an. Als ich vor Jahren schlimmen Liebeskummer hatte und einen Sommer lang kaum schlafen konnte, rettete mich meine Freundin M. Nacht für Nacht lag ich bei ihr im Bett. Ihre Nähe, ihr regelmäßiger Atem beruhigten mich. Ich schlief. Das wiederholten wir, bis es mir besser ging, obwohl sie damals kurz vor einer wichtigen Jura-Prüfung stand. Danke, M.!
Verzeichnis einiger Bettbegegnungen mit meinen Freunden: C. schläft mit ihrem Kuscheltier im Arm, einem Hasen. Er heißt Frau Doktor Hase. C. träumt die skurrilsten Träume. Und im Gegensatz zu mir erinnert sie sich auch daran. Verwunschene Gebäude mit beweglichen Stockwerken kommen darin vor, fremde Großstädte und überraschend viele Bushaltestellen. Aufwachen mit C. beginnt mit der Frage: Was hast du geträumt? Dann entführt sie mich in ihre Welt. Ich sinke noch mal ins Kissen, schließe die Augen, lausche C.s Stimme.
B. und ich nehmen die Ästhetik des Schlafanzugs (kariert oder blau mit Streifen, auf jeden Fall mit Kragen) beide gleichermaßen ernst. Gefällt uns das Modell des anderen, nicken wir uns anerkennend zu. M. trägt im Schlaf eine Zahnschiene. Ihr »Gute Nacht« nuschelt sie nur. H. wirkt seltsam sedierend auf mich. Sobald ich unter ihre Decke schlüpfe, überkommt mich eine wohltuende Müdigkeit. Sie neben mir wissend, dämmere ich direkt weg. Und sie hat den besten Bettbezug, den rosafarbenen aus Flanell, den ich schon zig Mal nachkaufen wollte, es aber doch nie tat, weil er für mich zu H. gehört.
Die emotionale Nähe zu einer geliebten Person fördert die Ausschüttung von Oxytocin, dem sogenannten Kuschelhormon. Es senkt den Cortisolspiegel und aktiviert den Parasympathikus, das ist der Teil des Nervensystems, der für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Er signalisiert dem Gehirn, dass keine Gefahr droht und man sich der Erholung hingeben kann. Fühlt man sich sicher und verstanden, kann das Nervensystem loslassen. Verkürzt gesagt, kann die nächtliche Nähe zu einem Menschen, den man mag, wie ein Schlafmittel wirken.
Zwei Übernachtungslevel unterscheide ich. Anfängerlevel eins ist das Übernachten bei Freunden in anderen Städten. Schön, aber doch aus einer logistischen Not heraus. Level zwei, für Fortgeschrittene, ist das Übernachten bei Freunden in derselben Stadt. Aus freien Stücken das eigene Bett gegen ein fremdes zu tauschen, ist doppeltes Glück. Was entginge mir nicht alles, wenn die Nächte meiner Freunde mir verborgen blieben? Auch schlafend geteilte Zeit ist Zeit. Und wer seine Freunde nie im Pyjama sieht, kennt nur deren Fassade.

Nele Sophie Karsten freute sich über die kürzlich erhaltene Nachricht von ihrer Freundin A. aus Berlin: »Beziehe bald dein Bett. (Ritual.)« Unsere Redakteurin schickte ein Herz zurück.
