Moral und MitgefühlWarum Empathie die Welt ungerechter macht

Aus Heft 22/26

Lesezeit: 10 Min.

Warum befasste sich der halbe Staatsapparat mit Timmy, dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, aber nicht mit den jährlich 100 000 von Menschenhand getöteten Walen?
Warum befasste sich der halbe Staatsapparat mit Timmy, dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, aber nicht mit den jährlich 100 000 von Menschenhand getöteten Walen? Foto: Frank Molter/AFP via Getty Images

Mitgefühl finden wir alle groß­artig – und täuschen uns damit selbst. Tatsächlich verteilen wir unsere Empathie nämlich höchst selektiv. Und tragen damit zur Spaltung der Gesellschaft bei.

Von Tobias Haberl

I

Ich erinnere mich an eine Diskus­sion unter Kollegen im Sommer 2022, einige Monate nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Es ging darum, ob man in Texten ab sofort auf Kriegsmetaphern verzichten solle. »In die Schlacht ziehen«, »an vorderster Front kämpfen«, »im Eifer des Gefechts« – solche Formulierungen erschienen angesichts der Tatsache, dass in der Ukraine tatsächlich Menschen in die Schlacht zögen und an vorderster Front kämpften (und stürben), hartherzig und unangemessen. Dieser Krieg tobe auf europäischem Boden, gerade mal zwei Flugstunden von Berlin entfernt, da müsse man doch etwas Empathie zeigen.

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