Menschen neigen dazu, ihr Leben als Geschichte zu sehen, mit einem Anfang, einem Ende und einem Dazwischen, und in dem Dazwischen, so lautet die Hoffnung, entsteht etwas, das andere einmal vermissen werden. Wenn das Leben eine Geschichte ist, dann ist meine vielleicht: Ich bin die, die sich meldet. Ständig stehe ich in Kontakt mit denen, die ich liebe. Der größte Teil meiner Bildschirmzeit am Handy geht dafür drauf, mit meiner besten Freundin in Kontakt zu bleiben, die 9000 Kilometer entfernt lebt, und zwar so richtig in Kontakt, nicht nur fürs Pflichtgefühl. Ich spreche, schreibe, rufe an, rufe zurück, tröste und versuche – das Schwierigste, aber auch das Schönste – zum Lachen zu bringen. Wenn ich mich nicht melde, haben die Menschen sofort das Gefühl, es sei etwas passiert. Manchmal schreibe ich deshalb in Nachrichten als Erstes: »Ich bin nicht tot«, wenn ich für mein Gefühl zu lange gebraucht habe. Was also die Leute an meinem Grab mal flüstern werden? Irgendetwas wie: »Man kann sagen, was man will, aber sie hat sich gemeldet!« Mit der Vorstellung kann ich gut leben.
TodWhatsapp aus dem Jenseits
Aus Heft 44/24
Lesezeit: 9 Min.

Anrufe, SMS oder Sprachnachrichten von verstorbenen Angehörigen: Mit KI wird das gerade möglich, eine ganze Industrie entsteht. Hilft das wirklich beim Abschiednehmen?
Von Theresa Hein
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