Leben und GesellschaftDas trifft sich gut

Aus Heft 4/14

Lesezeit: 2 Min.

Jetzt schnell. Entscheidung. Was bedeutet dieser Hundeblick - wird er schießen? Muss man sich verteidigen? Längst geht es bei Schießübungen um sehr viel mehr als darum, ins Schwarze zu treffen. Es sind Sekundenbruchteilentscheidungen, die Leben oder Tod bedeuten.
Jetzt schnell. Entscheidung. Was bedeutet dieser Hundeblick - wird er schießen? Muss man sich verteidigen? Längst geht es bei Schießübungen um sehr viel mehr als darum, ins Schwarze zu treffen. Es sind Sekundenbruchteilentscheidungen, die Leben oder Tod bedeuten. Pressebild

Sieht so der Feind aus? Für ihre Schießübungen benutzen amerikanische Polizisten und Hobby-Schützen keine Zielscheiben, sondern möglichst klischeehafte Menschenbilder. Eine Galerie der potenziellen Angreifer.

Von: Andrian Kreye

I

Im Ernstfall muss die Frage, ob man einer Schwangeren in den Kopf oder in den Bauch schießt, im Bruchteil einer Sekunde beantwortet werden. Die Zielscheibe auf dem Cover dieses SZ-Magazins verrät die Antwort mit einem feinen Umriss zwischen Herzgegend und Hirnschale. Geht es also darum, die Mutter zu töten und das ungeborene Kind zu verschonen, genauso wie diese verlogene Moral US-amerikanischer Konservativer immer einfordert? Also den Waffenbesitz ohne Rücksicht auf das Leben der Bürger möglich zu machen, während das ungeborene Leben um jeden Preis geschützt werden soll?

Das Zielscheibenbild der Schwangeren stammt aus der Serie »Split Second Targets« der Firma Law Enforcement Targets Inc. (LET) mit Sitz in Minneapolis. Sie gehört zu einer Sammlung lebensgroßer »human targets«, welche die Redaktion des niederländischen Kunstmagazins Useful Photography zusammengetragen hat. Es geht bei diesen Zielscheiben für Sekundenbruchteil-Entscheidungen nicht um Moral, sondern darum, das eigene Überleben zu trainieren. Wer zögert, stirbt. Dann ist es egal, ob die Kugel aus der Waffe einer Schwangeren oder eines Terroristen kommt. Handicap sind bei solchen Schießübungen lediglich Zielpersonen, die keine Waffe haben oder eine Polizeimarke. Auch das ist keine Frage der Moral, denn wer auf die feuert, macht sich im Ernstfall zum Mörder oder Jagdwild.

Um Schießübungen und Handicaps möglichst realistisch zu gestalten, haben die Firmen die Typologien vereinfacht. So kann man diese Zielscheiben auch als Sittenbild einer amerikanischen Parallelwelt verstehen, die gar nicht so klein ist. Nach einer Berechnung der Centers for Disease Control in Atlanta wird die Zahl der jährlichen Toten durch Schussverletzungen von jetzt rund 31 000 bis zum Jahr 2015 auf 33 000 ansteigen.

Die Realität dieser Parallelwelt umreißt das Angebot der Anbieter wie LET, Opsgear oder Speedwell – neben den Sekundenbruchteilzielen, mit denen vor allem Polizei- und Streitkräfte ihre Reflexe trainieren, gibt es dort Serien mit Szenen von Raubüberfällen, Einbrüchen, Flugzeugentführungen, Terroranschlägen oder Amokläufen an Arbeitsplätzen und in Schulen. Ein Teil der Sammlung zeigt Männer in Kafiyas, die Sturmgewehre schwenken, Bomben vergraben oder Sprenggürtel tragen. Außerdem gibt es Mitglieder von Gangs (wahlweise schwarz, lateinamerikanisch oder asiatisch), Einbrecher (meist weiß, aber durch charakteristische Vokuhila-Schnitte als Angehörige unterster Einkommensschichten erkennbar), Räuber (vor allem im Schnapsladen-Ambiente) und Geiselnehmer (vornehmlich männlich, bleich, zornig, die Geiseln in erster Linie weiblich, hübsch und verängstigt).

Ganz humorlos sind die Berufs- und Freizeitschützen nicht. Neu im LET-Angebot sind Zielscheiben mit Zombies und Dinosauriern, sowie »Pink mist«-Kaspeln, die realistische Blutspritzer abgeben. Der Humor kann dabei durchaus politisch sein. Einige Zieltafeln zeigen die Konterfeis historischer Diktatoren und Terroristen. Die findet man auch oft in den Schießbuden amerikanischer Rummelplätze. Denn eines ist für Schützen und Rummelvolk gleich wichtig – man muss wissen, wo der Feind steht.

Fotos aus dem Buch: Useful Photography 11 - KesselsKramer Publishing

Fotos: Kesselskramer

Das Abfeuern einer Schusswaffe ist eine Zen-Übung, bei welcher der Schütze Blick, Atem und Körper in ein Gleichgewicht versetzt, das den Beginn einer direkten Linie bildet. Dann aber dreht sich das Credo des Zen ins Gegenteil, denn nicht der Weg ist das Ziel. Das Ziel ist das Ziel.
Das Abfeuern einer Schusswaffe ist eine Zen-Übung, bei welcher der Schütze Blick, Atem und Körper in ein Gleichgewicht versetzt, das den Beginn einer direkten Linie bildet. Dann aber dreht sich das Credo des Zen ins Gegenteil, denn nicht der Weg ist das Ziel. Das Ziel ist das Ziel. Pressebild
Die Zielscheiben auf den nächsten vier Bildern stammen aus den Produktionen amerikanischer Waffenfirmen. Sie sind als Trainingsmittel zu verstehen, die weit über traditionelle Zielübungen hinausgehen. Profi- und Hobbyschützen üben mit solchen lebensgroßen Abbildern nicht nur, das Ziel zu treffen, sondern auch Entscheidungen in Sekundenbruchteilen. Die Zeichen sind dabei eindeutig - Langhaarige, Maskierte, Bandanaträger präsentieren die Insignien des Verbrechens. Das soll die Entscheidung eindeutig machen.
Die Zielscheiben auf den nächsten vier Bildern stammen aus den Produktionen amerikanischer Waffenfirmen. Sie sind als Trainingsmittel zu verstehen, die weit über traditionelle Zielübungen hinausgehen. Profi- und Hobbyschützen üben mit solchen lebensgroßen Abbildern nicht nur, das Ziel zu treffen, sondern auch Entscheidungen in Sekundenbruchteilen. Die Zeichen sind dabei eindeutig - Langhaarige, Maskierte, Bandanaträger präsentieren die Insignien des Verbrechens. Das soll die Entscheidung eindeutig machen. Pressebild
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Übungen für Fortgeschrittene: Wie erschießt man einen Geiselnehmer, der seine Geisel als Deckung missbraucht?
Übungen für Fortgeschrittene: Wie erschießt man einen Geiselnehmer, der seine Geisel als Deckung missbraucht? Pressebild
Wie reagiert man beim Duell auf eine gezückte Polizeimarke?
Wie reagiert man beim Duell auf eine gezückte Polizeimarke? Pressebild
Für welches Ziel entscheidet man sich in einer Gruppe von dreien, die auf den ersten Schuss sehr unterschiedlich reagieren werden? Im Berufsleben eines Polizisten entscheiden die richtigen Reflexe dann nicht nur über das Leben der Geisel, sondern auch über sein eigenes.
Für welches Ziel entscheidet man sich in einer Gruppe von dreien, die auf den ersten Schuss sehr unterschiedlich reagieren werden? Im Berufsleben eines Polizisten entscheiden die richtigen Reflexe dann nicht nur über das Leben der Geisel, sondern auch über sein eigenes. Pressebild
Die Fotografen der Zielscheiben haben selten Scheu vor Klischees. Denn es ist ja nicht nur die Waffe, die den Mann in diesem Bild als Verbrecher kenntlich macht. Es ist auch die Tatsache, dass er seine Baseballkappe verkehrt herum trägt und eine Latzhose über seinen Kapuzenpullover gezogen hat.
Die Fotografen der Zielscheiben haben selten Scheu vor Klischees. Denn es ist ja nicht nur die Waffe, die den Mann in diesem Bild als Verbrecher kenntlich macht. Es ist auch die Tatsache, dass er seine Baseballkappe verkehrt herum trägt und eine Latzhose über seinen Kapuzenpullover gezogen hat. Pressebild
Zielscheiben mit den Zerrbildern exotischer Bösewichter waren schon immer auf amerikanischen Volksfesten beliebt. Nicht erst, seit die Schießbude im New Yorker Vergnügungspark von Coney Island Anfang der Achtzigerjahre ein Konterfei von Khomeini aufhängte.
Zielscheiben mit den Zerrbildern exotischer Bösewichter waren schon immer auf amerikanischen Volksfesten beliebt. Nicht erst, seit die Schießbude im New Yorker Vergnügungspark von Coney Island Anfang der Achtzigerjahre ein Konterfei von Khomeini aufhängte. Pressebild
Im Idealfall erfasst ein Schütze den Ernst der Lage mit schnellem Blick. Aus dem Alltag der Strafverfolgung wären das: Ein Straftäter ohne Mitgefühl für weinende Kinder; ...
Im Idealfall erfasst ein Schütze den Ernst der Lage mit schnellem Blick. Aus dem Alltag der Strafverfolgung wären das: Ein Straftäter ohne Mitgefühl für weinende Kinder; ... Pressebild
... Mann aus dem arabischen Kulturkreis, der einen Sprengsatz vergräbt; ...
... Mann aus dem arabischen Kulturkreis, der einen Sprengsatz vergräbt; ... Pressebild
... ein Mitglied der untersten Einkommensschicht mit ernsthaftem Alkoholproblem; ...
... ein Mitglied der untersten Einkommensschicht mit ernsthaftem Alkoholproblem; ... Pressebild
... junge Herren lateinamerikanischer Herkunft, die ein ungewöhnlich kostspieliges Auto fahren.
... junge Herren lateinamerikanischer Herkunft, die ein ungewöhnlich kostspieliges Auto fahren. Pressebild
Für praxisnahe Schießübungen ordnen die Hersteller solcher Zielscheiben ihre Motive in situationistische Sets. Dieses hier stammt aus der Sammlung »Home Invasion Targets«. Der feine Umriss zeigt, in welchem Bereich Einschläge die Gefahr verlässlich ausschalten.
Für praxisnahe Schießübungen ordnen die Hersteller solcher Zielscheiben ihre Motive in situationistische Sets. Dieses hier stammt aus der Sammlung »Home Invasion Targets«. Der feine Umriss zeigt, in welchem Bereich Einschläge die Gefahr verlässlich ausschalten. Pressebild

In seiner Zeit als New-York-Korrespondent war Andrian Kreye eine Weile Mitglied des Downtown Rifle & Pistol Clubs. »Human Targets« waren dort allerdings verpönt. Darauf schossen höchstens die paranoiden Kleinkrämer aus Brooklyn und Queens. Wer etwas auf sich hielt, meisterte den klassischen Scheibenspiegel mit Bullseye. Erik Kessels betreibt eine Werbeagentur und bringt mit seinen Kollegen immer wieder Magazine heraus mit Bildern, die sie im Netz gefunden haben - wie die der menschlichen Zielscheiben. Kaufen kann man die Hefte hier: www.kesselskramerpublishing.com/useful-photography/

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