Ich weiß nicht, was es bei Ihnen ist, bei mir sind es Pfandflaschen im Container und das Autofahren in der Stadt. Sachen, die ich mir einfach so erlaube, seit Corona. Keine Lappalien, ich weiß, aber ich versuche mal, es zu erklären. Altglas zu sortieren, erst zu Hause zwei verschiedene Körbe zu füllen, für Pfand und Altglas, alle zwei Wochen einen Korb zum Supermarkt zu schleppen, die Pfandflaschen abzugeben für acht Cent pro Flasche, dann mit dem anderen Korb zum Container zu wandern, getrennt einzuwerfen, alten Essig aufs Hemd zu bekommen – schon ohne Pandemie wirkt das wie eine leicht irre Beschäftigungstherapie, ein endloser Kreislauf aus Schuld (Flaschen stehen rum) und Sühne (Flasche werden zurückgebracht, neue gekauft). Seit zwanzig Jahren befolge ich dieses System im vagen Glauben, damit meinen Teil zur öffentlichen Ordnung beizutragen. Etwa in der Mitte des zweiten Lockdowns aber habe ich begonnen, einfach alle Flaschen in den Container zu werfen. Bin also zum Pfandleugner geworden. Die offizielle Rechtfertigung lautet: Ich möchte Supermärkte meiden, so gut es geht. Für solche Argumente haben heute alle Verständnis. Stimmt auch. Wer würde schon gerne über sich hören: »Der Idiot hat sich in der Schlange vor den Pfandautomaten mit Covid-19 infiziert!«? Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die bürgerliche Altglasordnung ist mir auch ein bisschen egal geworden. Sie hat gerade keine Priorität – wie so vieles, was früher mal unverrückbar galt.
Leben und GesellschaftDas erlaube ich mir
Aus Heft 9/22
Lesezeit: 6 Min.

Die Corona-Wellen und der Wahnsinn der Welt sind so anstrengend, dass viele im Alltag trotzig werden: Sie fangen wieder an zu rauchen oder nehmen für Mini-Strecken das Auto. Verständlich, findet unser Autor.
Von Max Scharnigg Fotos: Philotheus Nisch
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