Es hat viele Nachteile, dass wir in Zeiten großer wirtschaftlicher Ungleichheit, neuer Seuchen, Klimakrise und Krieg leben. Klar, etwa Ungleichheit, Seuchen, Klimakrise und Krieg. Ein weiterer Nachteil ist aber auch, dass die Leute angefangen haben, sich auf ganz seltsame Weise über Dinge zu beklagen, die ihnen das Leben schwer machen. Zum Beispiel geht der Kühlschrank kaputt. Oder jemand hat einen Wasserschaden in der Wohnung. Das Auto ist abgeschleppt worden und muss nun auf einem Parkplatz am Rande der Stadt ausgelöst werden. Die Krone ist nicht mehr zu retten, der Zahn muss raus, das empfohlene Implantat kostet viel Geld. Ich ertappe mich selbst dabei und beobachte es bei anderen Alltagsgebeutelten: Man erzählt gern und ausführlich von diesen kleinen Katastrophen, aber mit dem nach- oder eingeschobenen Satz, das sei natürlich »Jammern auf hohem Niveau«. Manchmal auch, wenn der Wasserrohrbruch das Wochenendhaus beschädigt hat oder der kaputte Kühlschrank aus Platzgründen nicht ersetzt werden kann durch einen mit Eiswürfelbereiter in der Tür, mit der Wendung: »auf höchstem Niveau«.
Leben und GesellschaftDer Ernst der Klage
Aus Heft 15/23
Lesezeit: 5 Min.

So viele Tränen, so viel Ungemach – und es ist auch völlig in Ordnung, einfach mal herumzujammern.
Illustration: Nadine RedlichWarum es nichts bringt, die eigenen kleinen Missgeschicke mit den großen Problemen auf der ganzen Welt zu vergleichen
Von Till Raether
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