Leben und Gesellschaft50 Shades of Grey

Aus Heft 18/13

Lesezeit: 3 Min.

Isle of Bute Show in Schottland: Wer seinen Hund liebt, teilt alles mit ihm - sogar den Friseur.
Isle of Bute Show in Schottland: Wer seinen Hund liebt, teilt alles mit ihm - sogar den Friseur. Arnhel de Serra

In England ist der Himmel sogar im Sommer grau - aber die Leute machen was draus. Unterwegs zu den skurrilsten Freiluftveranstaltungen der Insel.

Von Christian Zaschke Fotos: Arnhel de Serra

J

Jede Woche sendet BBC Radio 4 eine Dreiviertelstunde Gardeners’ Question Time: Amateur-Gärtner stellen Profi-Gärtnern vor Publikum Gärtner-Fragen. Die Sendung gibt es seit 1947. In den Kategorien Leidenschaft, spezialistische Verästelung und Geheimsprache wird sie nicht einmal vom Seewetterbericht übertroffen. Derzeit läuft sie jeden Sonntagnachmittag, was insofern angemessen erscheint, als sie eine Art pantheistischer Gottesdienst ist. Schade nur, dass so viele Briten aus der Zielgruppe sie sommers um diese Zeit nicht hören können: Sie sind unterwegs, draußen, auf Gartenfestivals, Landwirtschaftsschauen und Gemüsewettbewerben.

Nur in England finden sie auf derart erhebende Weise zusammen: die Liebe zur Landwirtschafts- und Gartenschau, die Neigung zu mildem Exhibitionismus und eine Form der Exzentrik, die nach kontinentalen Maßstäben als solider Irrsinn gelten muss. Die Liebe zur Landwirtschaftsschau ist dabei die größere Schwester der Liebe zum Gärtnern. Sechzig Prozent der Briten gaben in einer Umfrage aus dem Jahr 2010 an, in den vergangenen vier Wochen gegärtnert zu haben. Der Rest hatte vermutlich gerade keine Lust darauf, befragt zu werden. Oder zuletzt vor viereinhalb Wochen gegärtnert.

Die Engländer würden sich selbst als gelassene, oft kühle Menschen des Nordens bezeichnen. Als zutiefst pragmatische und vollkommen normale Bewohner einer alles in allem recht hübschen Insel. Doch es gibt, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, wohl keinen gelassenen, oft kühlen, zutiefst pragmatischen und vollkommen normalen Engländer, der nicht zugleich als bekloppt oder immerhin sonderlich beschrieben werden muss. Das macht die Bewohner dieser Insel zu einem der zivilisiertesten und liebenswertesten Völker des Erdballs.

Der Übersichtlichkeit wegen soll hier nicht von den übrigen Bewohnern des Königreichs die Rede sein, von Walisern, Schotten und Nordiren. Es ist ja schon eine beinahe fahrlässige Verallgemeinerung, von »den Engländern« zu sprechen. Wer die Insel bereist, muss alle paar Meilen glauben, ein neues Land betreten zu haben, was schon allein an der Vielfalt der teils herrlich unverständlichen Akzente liegt. Wer die Insel bereist, begegnet der rauen Herzlichkeit des Nordens, der brummigen Freundlichkeit der Midlands und der amüsierten Herablassung des Südostens.

Was jedoch allen eingeborenen Bewohnern der Insel gemein ist, ob sie an der schottischen Grenze großgeworden sind oder im Londoner East End, ist diese schwer zu fassende, kaum zu beschreibende, aber stets vorhandene »Englishness«. In einem ungenügenden Versuch ließe sich diese als einzigartige Mischung aus Stolz und Stoizismus, Wahnsinn und Verbindlichkeit umreißen, zu der sich bisweilen eine eigenwillige Kombination aus Verklemmtheit und Schamlosigkeit gesellt. Irgendwo dazwischen hat sich die Liebe zu einer besonderen Form des Gärtnerns angesiedelt. Der Autor Harry Mount schreibt in seinem scharfsinnigen und außerordentlich wunderbaren Buch How England made the English: »Eine Ader der Wärme und Wildheit der südlichen Völker läuft durch unsere Gärten.« Mag sein, dass in englischen Gärten das höfliche Niederringen der Natur als bestimmende, als gestaltende Kraft wirkt. Und doch sind es Wärme und Wildheit, die die unzähligen Gartenfestivals und Gemüsewettbewerbe bestimmen.

Es wäre grundfalsch zu behaupten, dass all das eine Insel des pastoralen Idylls ergäbe. England ist ein Land, in dem in mit Spielhallen und Kettenschnellrestaurants verschandelten Seebädern höchstens 16 Jahre alte Mütter in handbreiten Röcken rauchend an der Strandpromenade herumlungern und ihre weinenden Babys anschreien: »Fuck you! Shut up!« Aber es ist ebenso ein Land, in dem auf ländlichen Zusammenkünften ältere Herren in Knickerbockern auf vollendet lächerliche und doch würdevolle Weise öffentlich durchs Gras robben. Es ist das Land, in dem ein wütender Mob aus Zorn über soziale Ungerechtigkeit und latenten Rassismus mal eben ein paar Londoner Stadtviertel in Flammen setzt und die Obrigkeit spüren lässt, wie dünn der Firnis der Ordnung in Wahrheit ist. Und zugleich das Land, in dem sich bis heute Menschen dafür entschuldigen, dass sie angerempelt wurden.

Dass England noch immer eine Klassengesellschaft ist, lässt sich vielleicht am besten während der wenigen Monate beobachten, in denen auf einen milden Frühling mit gelegentlichem Niesel ein moderater Sommer mit gelegentlichem Niesel folgt. Jedes Jahr zwischen April und August begibt sich die englische Elite – zu der neben der alten Upperclass längst auch der Geldadel des Finanzplatzes in der Londoner City gehört – auf Sommertour. Zur »Englischen Saison« gehören verschiedene kulturelle und sportliche Veranstaltungen, darunter mehrere Pferderennen (u. a. Royal Ascot, Epsom Derby), die königliche Ruderregatta in Henley und das Opernfestival in Glyndebourne. Bei jeder dieser Veranstaltungen gilt ein strenger Dresscode. Das gemeine Volk wird, wenn überhaupt, am Rande des gesellschaftlichen Geschehens geduldet.

Im Schatten dieser elitären findet die wahre Englische Saison statt. Sie besteht aus eben jenen Leistungsschauen, bei denen Hobbygärtner mit Kürbissen, groß wie pazifische Atolle, und langmähnigen Lauchstangen gegeneinander antreten. Sie besteht aus Picknicks, Straßenfesten, Haustierschauen, aus Gurkensandwiches und Gummistiefeln, und sie findet unbedingt im Freien statt, bei jedem Wetter.

Der Autor Harry Mount schreibt: »Die Engländer sind nicht gut in makelloser, idealisierter Schönheit – ganz gleich, ob es um ihre Kleidung geht, ihre Kunst oder ihre Zähne. Ihre Sache ist vielmehr die Schönheit, die sich unaufgefordert aus offensichtlicher Vernachlässigung ergibt.« Besser lässt sich die Bodenständigkeit der Englischen Saison kaum beschreiben. Wer sie betrachtet, der blickt ins Innerste einer leidenschaftlichen, schönen Seele.

Britisches Essen mögen nur Briten? Von wegen.
Britisches Essen mögen nur Briten? Von wegen. Arnhel de Serra
Könnte eine Modenschau für Thermo-Unterwäsche sein, ist aber traditionelles Wrestling.
Könnte eine Modenschau für Thermo-Unterwäsche sein, ist aber traditionelles Wrestling. Arnhel de Serra
Konzentriert bei der Arbeit - eine Jurorin des Backwettbewerbs auf der New Forest & Hampshire County Show.
Konzentriert bei der Arbeit - eine Jurorin des Backwettbewerbs auf der New Forest & Hampshire County Show. Arnhel de Serra
Auf der Great Yorkshire Show geht es zu wie bei uns auf dem Tennisplatz: Papa ist besonders eifrig bei der Sache.
Auf der Great Yorkshire Show geht es zu wie bei uns auf dem Tennisplatz: Papa ist besonders eifrig bei der Sache. Arnhel de Serra
Eine Gartenschau ohne Blumen gibt’s nicht, manche Gäste gehen trotzdem auf Nummer sicher.
Eine Gartenschau ohne Blumen gibt’s nicht, manche Gäste gehen trotzdem auf Nummer sicher. Arnhel de Serra
Die Jagdhunde-Schau in Peterborough gibt es seit 1878. Verändert hat sich seitdem: nichts.
Die Jagdhunde-Schau in Peterborough gibt es seit 1878. Verändert hat sich seitdem: nichts. Arnhel de Serra
Trittin und Göring-Eckardt? Nein, doch nicht.
Trittin und Göring-Eckardt? Nein, doch nicht. Arnhel de Serra
Ganz viele Oldtimer auf der East of England Show - zwei davon essen.
Ganz viele Oldtimer auf der East of England Show - zwei davon essen. Arnhel de Serra
ie Landluft von Hampshire hat ihr erstes Opfer gefunden.
ie Landluft von Hampshire hat ihr erstes Opfer gefunden. Arnhel de Serra
Der Python kommt aus Burma, das Mädchen aus der Grafschaft Berkshire - der örtliche Reptilienclub macht’s möglich.
Der Python kommt aus Burma, das Mädchen aus der Grafschaft Berkshire - der örtliche Reptilienclub macht’s möglich. Arnhel de Serra
Ein Angorahäschen wird für den Schönheitswettbewerb in Surrey geföhnt.
Ein Angorahäschen wird für den Schönheitswettbewerb in Surrey geföhnt. Arnhel de Serra
Auf der Royal Cornwall Show kann ein Mann noch Hut tragen, ohne doof auszusehen.
Auf der Royal Cornwall Show kann ein Mann noch Hut tragen, ohne doof auszusehen. Arnhel de Serra
Zwei Jäger demonstrieren formvollendetes Anschleichen, der Rest schaut leise zu.
Zwei Jäger demonstrieren formvollendetes Anschleichen, der Rest schaut leise zu. Arnhel de Serra
Bulle, der seinen Preis definitiv verdient hat.
Bulle, der seinen Preis definitiv verdient hat. Arnhel de Serra
Jaja, Landleben ist angesagt, vor allem bei den Städtern, und das kommt am Ende raus.
Jaja, Landleben ist angesagt, vor allem bei den Städtern, und das kommt am Ende raus. Arnhel de Serra
Egal wo, egal wie, aber eine Teepause muss sein.
Egal wo, egal wie, aber eine Teepause muss sein. Arnhel de Serra
Oben Viel spannender als Drohnen: die menschliche Kanonenkugel Dave »The Bullet« Smith Jr. auf der Royal Norfolk Show.
Oben Viel spannender als Drohnen: die menschliche Kanonenkugel Dave »The Bullet« Smith Jr. auf der Royal Norfolk Show. Arnhel de Serra
Nicht die Kelly Family, sondern der Infostand des Wochenmagazins Country Life, das erstmals 1897 erschien.
Nicht die Kelly Family, sondern der Infostand des Wochenmagazins Country Life, das erstmals 1897 erschien. Arnhel de Serra

ist ein begnadeter Gärtner. Seine Tomaten sind berühmt, seine Auberginen berüchtigt. Schade nur, dass der London-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in einer Wohnung lebt, die zwar über undichte Fenster, aber weder über Garten noch Balkon verfügt.

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