KunstWer wird denn hier gleich weinen?

Aus Heft 10/26

Lesezeit: 7 Min.

Eisig: Ihre Pistole, die Yi Fei Chen hier präsentiert, gefriert Tränen zu Projektilen.
Eisig: Ihre Pistole, die Yi Fei Chen hier präsentiert, gefriert Tränen zu Projektilen. Foto: Ronald Smits, Artist: Yi Fei Chen © Design Academy Eindhoven

Die Künstlerin Yi Fei Chen schießt mit einer eigens dafür angefertigten Pistole ihre Tränen auf den Menschen, der sie zum Weinen bringt – und nutzt ihre Verletzlichkeit als Angriffsstrategie.

Von Roland Schulz

A

Als ihr die Tränen in die Augen schossen, war das Schlimmste nicht die Scham. Sie stand vor ihrer Studien­gruppe, ihr Professor schnauzte sie an, sie hörte kaum Worte, nur Stimme, schneidend und scharf. Sie fühlte sich gefangen in einer sozialen Situation, aus der es keinen Ausweg gab, keinen guten. Sollte sie weglaufen? Sich wehren? Sie versuchte, ihre Tränen zu verbergen, doch als sie sich abwandte, schüttelten sie schon Weinkrämpfe. Das Schlimmste war: Die Tränen sandten ein falsches Signal, sagt sie. Sie war nicht traurig, nicht verletzt. Schon gar nicht schwach. Sie war wütend.

»So wütend«, sagt Yi Fei Chen in die Stille des kleinen Kellercafés in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh, aus dem sie sich per Videoanruf meldet. »Wütend und …« – die Künstlerin sucht ein stimmiges Wort für die Gefühle, die sie damals in sich toben spürte – »… frustzornig.« Aus diesen Gefühlen schöpfte Chen die Idee für eine Waffe, die ihr Leben und Werk bis heute bestimmt: eine Pistole, die Tränen abfeuert.

Ausgelöst hatte ihren Frustzorn ein Augenblick ihrer Ausbildung, Studiengang Soziales Design, an der Design Academy Eindhoven, Niederlande. Damals, 2016, sollte Chen ein Studienprojekt vorstellen, als Ausweis ihres Könnens. Ihr Kopf war voller Ideen, im Geiste sah sie ihre Arbeit schon vor sich: eine handfeste Auseinandersetzung mit der Strenge, in der sie als Kind, als Mädchen, als Frau aufgewachsen war, die Erstgeborene einer zutiefst traditionellen Familie in Taiwan. Arbeitstitel: »Die perfekte Frau«. Sie stellte sich beispielsweise sozial getarntes Sexspielzeug vor, Vibratoren, verborgen in Alltagsdingen untertäniger Weiblichkeit, in Schmucktäschchen, Benimm-Fibeln, Gebetbüchern. So deutlich diese Ideen in ihren Gedanken schon Gestalt angenommen hatten, so mager sah die Wirklichkeit aus. Chen hatte so gut wie nichts in die Tat umgesetzt. Außer einer hastig am Computer hingehuschten Animation hatte sie nichts zu zeigen. Und Abgabe war jetzt. Ihr Professor, sanft genervt, gab ihr den Rat, auf der Stelle die Vorstellung ihrer Studiengruppe zu verlassen, in die Bibliothek zu gehen, ihre Animation aufzupolieren. Er wollte wohl retten, was zu retten war. In zwei Stunden, sagte er, solle Chen ihr Projekt abermals präsentieren, als Letzte ihrer Studiengruppe.

»Das fühlte sich falsch an«, sagt Chen. Sie ringt darum, in Worte zu kleiden, welchen Zwiespalt sie damals spürte: Sicher, sie hatte versagt, ihre Animation war schlecht – aber wäre es statthaft, deswegen die Präsentationen ihrer Studiengruppe zu schwänzen? Es war, als stünde sie plötzlich genau vor den Fragen, an denen sie sich in ihrem Projekt über die perfekte Frau hatte abarbeiten wollen: Was darf ich, was kann ich, was muss ich mir herausnehmen als Frau aus einer strikten Kultur, eine Tochter Taiwans? Sie beschloss zu bleiben. Höflich hörte sie zu, welche glänzenden Ideen ihre Studiengruppe präsentierte, zugleich mit Hochdruck an ihrer Animation arbeitend. Dann war es so weit. Ein zweites Mal trat sie ihrem Professor unter die Augen. Es war ein Fiasko. Sie versuchte, sich zu verteidigen, der Zwiespalt, was darf, was kann, was muss. Der Professor wollte nichts davon wissen. Seine Stimme war scharf. Sie solle aufhören, ihre Kultur als Ausrede zu benutzen. Sofort war die Wut da, die Scham. Chen kämpfte, sie zu zügeln. Dann schossen ihr Tränen in die Augen.

»Diese Bemerkung war ein großer Trigger«, sagt Chen. Ihre Kultur, eine Ausrede? Sie fühlte sich gedemütigt. Aber getroffen auch. Selbst jetzt, da sie schluchzend vor ihrer Studiengruppe stand und sich zur Sau machen ließ, entkam sie ihrer Kultur nicht. Sie wollte sofort weg hier – aber sie konnte doch einen Lehrer nicht unterbrechen! Sie war außer sich. Irgendwann fand sie sich in der Damentoilette wieder, immer noch »hart am Weinen«, sagt Chen. Eine Dozentin, die ihr gefolgt war, versuchte sie aufzumuntern. Sie solle es nicht zu schwer nehmen, und überhaupt, sie könne ihr Studium ja jederzeit abbrechen. Chen zwang sich zu lächeln. Sie hatte so lange davon geträumt, hier zu sein, an dieser Akademie, in dieser Freiheit. Kapitulieren? Kam nicht infrage.

Yi Fei Chen, heute 40 Jahre alt, ist eine Tochter zweier Taiwan: Als sie auf die Welt kam, herrschte in ihrer Heimat noch das Kriegsrecht. Auch die Jahre darauf blieb Taiwan mehr Diktatur als Demokratie. Wenn Erwachsene Kinder maßregeln wollten – Chen hat die Worte heute noch im Ohr –, sagten sie: Benimm dich, sonst holt dich die Polizei. Chen bewahrt eine alte Fotografie aus dieser Zeit, die sie sehr mag. Sie ist darauf in Taipeh zu sehen, ein kleines Mädchen in seinem schönsten Hemd, das vor einer Marschkolonne von Soldaten posiert, ein Fleck froher Farben vor einem Spalier Olivgrün in Springerstiefeln. Später, Taiwan hatte zum ersten Mal freie Wahlen erlebt, träumte die Schülerin Yi Fei davon, der Welt da draußen Form und Farbe zu schenken, als Architektin, aber ihr Vater riet ihr ab. Alles Land in Taiwan sei längst verbaut.

Chen ist überzeugt, dass sich Taiwans Insellage im Charakter seiner Menschen spiegelt

Als junge Frau gewöhnte sich Chen daran, ständig an Grenzen zu stoßen, schon geografisch: Egal, wo in Taiwan sie startete, vier oder fünf Fahrtstunden später stoppte sie das Meer. Chen ist überzeugt, dass sich die Insellage Taiwans im Charakter seiner Menschen spiegelt, eine Gesellschaft, in sich geschlossen. Sie eckte an. Sie stellte fest, dass ihr das nicht unangenehm war. »Ich habe eine rebellische Ader«, sagt sie. Als sie anfing, Industriedesign zu studieren, fand sie ihre Idole schnell. Die Firma Maywa Denki aus Japan, die als Spielware einen Synthesizer entwarf, geformt wie eine Achtelnote, der seine Klänge aus einem Mund am Notenbauch sang. Das niederländische Kollektiv Droog, das Stühle aus Knoten knüpfte. Alles Designer, die an die Grenzen zwischen Einzelstück und Massenware gingen, zwischen Kunst und Industrie. Droog – die Speerspitze des »Dutch Design« der Neunzigerjahre – fesselte Chen besonders. Sie fasste den Plan, ihr Studium nirgendwo anders abzuschließen als in den Niederlanden. Sie musste. Sie konnte. Sie durfte.

In Eindhoven angekommen, überrollten sie Eindrücke. An ihrer Akademie studierten junge Menschen aus nahezu allen Staaten Europas. Grenzen schienen sie kaum zu kennen, nicht im Geist, nicht geografisch. »Hat mich schockiert«, sagt Chen. »Sie bewegten sich so schrankenlos, sie waren so frei.« Die Dozentin auf der Damentoilette ahnte nicht, wie wichtig Chen das alles geworden war. So ein Studium abbrechen? »Natürlich habe ich nicht abgebrochen«, sagt Chen. »Ich gebe nicht auf.«

Zwei Wochen blieb Chen nach ihrem Weinkrampf verschwunden. Sie igelte sich in ihrer Studentinnenbude ein, lungerte herum, schaute taiwanesische Seifenopern. Als Chen wieder auftauchte, brauchte sie ein neues Studienprojekt. Sie hatte nichts außer einer Skizze, im Tal der Tränen angefertigt. Eine Silhouette. Aus deren Gesicht zwei Ströme schossen wie Laserstrahlen. Es war so einfach. Was, wenn sie ihre Tränen auf den Menschen schießen könnte, der sie hatte weinen lassen?

Wieder fing Chen an, mit Hochdruck zu arbeiten. Systematisch entwarf sie, was nötig war. Eine Tränenschale, auf der Wange anzubringen. Ein Magazin, das Tränen zu Munition schockfrostet. Eine Abschussvorrichtung. Doch dann fraß sie sich fest, beim Wandel der Träne zur Kugel. Es wäre leicht gewesen, Tränen mittels Chemie zu Eis werden zu lassen, durch Zusätze. Chen wünschte ihre Projektile aber pur – Träne sollte Träne sein, auch als Geschoss. Sie benötigte das blanke Ändern des Aggregatzustandes, flüssig zu fest. Chen tauchte in die Tiefen der Physik. Es dauerte Tage, bis sie sich die Allgemeine Gasgleichung so weit untertan gemacht hatte, dass ein Druckzylinder voll Kohlendioxid eine Träne schussfertig fror. Sofort präsentierte sich das nächste Problem. Tränen taugen kaum als Kugel. Sie sind – sogar schockgefrostet – nicht schwer genug. Wenn Chen sie in ihre Waffe lud und schoss, schwebten sie eher, als zu treffen. Sie ersetzte die Mechanik durch einen zweiten Gaszylinder, um Tränen mit Druckluft durch den Lauf zu treiben. Nun traf sie. Die Tränenpistole war einsatzbereit.

Die schussfertige Waffe hat Yi Fei Chen in einem Dutzend Fotos dokumentiert.
Die schussfertige Waffe hat Yi Fei Chen in einem Dutzend Fotos dokumentiert. © Yi Fei Chen, Foto: Jian Da Huang

Da, ihre Studiengruppe. Da, ihr Professor. Auf schnellen Blick sah die Situation aus wie Wochen zuvor: Chen präsentierte ihr Projekt. Aber sie spürte, dass die Lage diesmal anders war. Ihr Professor trat ihr unter die Augen.

Er bat sie, bitte nicht ins Gesicht. Sie händigte ihm eine Schutzbrille aus. Er fragte, wann sie nun endlich schieße. Sie zögerte. Es war faszinierend. Sie hielt eine Waffe in den Händen, die wenig mehr als ein Symbol war. Trotzdem wirkte sie. »Plötzlich waren die Machtverhältnisse völlig verändert«, sagt Chen. Sie hob ihre Pistole, nahm ihren Professor ins Visier und schoss. Treffer.

Auch in Details: Ihre Tränen werden von einer auf der Wange angebrachten Schale aufgefangen.
Auch in Details: Ihre Tränen werden von einer auf der Wange angebrachten Schale aufgefangen. © Yi Fei Chen, Foto: Yen An Chen

Es dauerte nicht lang, dann erhielt Chen erste Anfragen. Im Internet war ein Foto der Waffe aufgetaucht, Menschen aus aller Welt mailten. Manche wollten mit der Tränenpistole Rache üben. Manche wissen, wo sie zu kaufen war. Ein Mann bat um ein Exemplar, um sie seiner Braut zu überreichen, als Hochzeitsgeschenk. Es war irre. Das Interesse ebbte nicht ab. Chen erhält bis heute Bitten um die Tränenpistole. Sie ist unsicher, was sie davon halten soll. Sie arbeitet im Wechsel in Taiwan und den Niederlanden, sie hat eindrückliche Werke erdacht. Einen fahrbaren, aus dem Internet gespeisten Automaten, der Botschaften auf den Asphalt von Straßen und Autobahnen druckt, allerdings mit Meerwasser – kaum ist eine der flüchtigen Nachrichten aus sozialen Netzen erkennbar, verdunstet sie schon wieder. Eine raumgreifende Installation, die Museumsbesucher auf die Spur von Aalen schickt, durch gewaltige Turbinen, über Fischtreppen, an Fangnetzen vorbei, eine Menschwanderung stromaufwärts. Aber in den Augen der Öffentlichkeit ist sie immer noch die Frau mit der Tränenpistole. Ärgert sie das?

Sie lässt die Frage lange stehen. Sie hat ihr Werk längst ziehen lassen, sie besitzt es nicht einmal mehr: 2022 erwarb das Kunstmuseum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam die Tränenpistole. Wenn, dann ärgere sie die Lesart, die Tränenpistole sei eine Arbeit, wie sie nur einer Künstlerin einfallen konnte, typisch Frau. »Ich hasse es«, sagt Chen. Sie hat oft gehört, sie habe doch nur diesen Spruch geklaut, Tränen sind die Waffe einer Frau. »Die Leute denken, es gehe ums Geschlecht, aber nein, die Tränenpistole dreht sich nicht um Geschlechterfragen«, sagt Chen. »Es geht um Verwundbarkeit.« Außerdem – das war lange Chens Geheimnis – trifft der dumme Spruch auf die Tränenpistole gar nicht zu. Als sie damals den Schuss auf ihren Professor vorbereitete, war sie so aufgeregt, dass sie eines völlig vergaß: Sie musste ja vorher weinen. Und zwar heftig. »Für eine Kugel muss man schon ordentlich flennen«, sagt sie. Aber ihr war gar nicht nach Weinen. Also füllte sie das Magazin ihrer Waffe mit ein, zwei Spritzern Augentropfen. Weitere Tränen wäre es nicht wert gewesen.

Illustration: Grafilu

denkt bei traumhaften Waffen auch an die Blickwinkelkanone: Wer von dieser streitschlichtenden Wumme aus dem Film »Per Anhalter durch die Galaxis« getroffen wird, versteht schlagartig alle Gefühle und Gedanken des Schützen.

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