KunstKugellager

Aus Heft 33/18

Lesezeit: 2 Min.

Aus der Nababeep South Mine in der nordwestlichen Region Namaqualand wurden bisher 302 791 Tonnen Kupfer gefördert. Im Maßstab seines Fotos hat Dillon Marsh einen entsprechenden Ball geformt. Das Dorf Nababeep wurde 1860 von der Okiep Copper Company gegründet, heute leben dort 6000 Menschen. Wie in vielen entlegenen Landstrichen Südafrikas wurden für immer mehr Arbeiter immer mehr Siedlungen gebaut. Mittlerweile mussten aber viele Kupferminen schließen, Orte wie Nababeep haben eine ungewisse Zukunft.
Aus der Nababeep South Mine in der nordwestlichen Region Namaqualand wurden bisher 302 791 Tonnen Kupfer gefördert. Im Maßstab seines Fotos hat Dillon Marsh einen entsprechenden Ball geformt. Das Dorf Nababeep wurde 1860 von der Okiep Copper Company gegründet, heute leben dort 6000 Menschen. Wie in vielen entlegenen Landstrichen Südafrikas wurden für immer mehr Arbeiter immer mehr Siedlungen gebaut. Mittlerweile mussten aber viele Kupferminen schließen, Orte wie Nababeep haben eine ungewisse Zukunft. Dillon Marsh

Südafrika ist reich an Bodenschätzen. Aber sie zu fördern richtet gewaltige Schäden an. Der Künstler Dillon Marsh macht den Zwiespalt sichtbar.

Text: Patrick Bauer Fotos: Dillon Marsh

Südafrika ist ein verwundetes Land, auch im wörtlichen Sinne. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Boden wegen der darunterliegenden Rohstoffe umgegraben, aufgebohrt, zerschnitten, ausgehöhlt. Mit den Diamanten und dem Gold und dem Rausch fing es an, jahrzehnte­lang war Südafrika der größte Goldlieferant der Welt, inzwischen ist er nur noch der siebtgrößte. Heute kommt dafür das meiste Platin von dort, dazu 44 Prozent des global geförderten Chroms, verschiedene Industriemetalle, das Land verfügt über das größte Steinkohlevorkommen Afrikas – es ist wie so oft: unendlich reich und arm zugleich.

Und so lässt sich die Geschichte Südafrikas – die koloniale Ausbeutung, die Unterdrückung der Mehrheit durch eine kleine Minderheit, der Rassismus, der Aufstieg zu einem der wohlhabendsten Staaten des Kontinents, die nachhaltige politische Korruption – nicht erzählen und erklären ohne die Geschichte des südafrikanischen Bergbaus. Diese Geschichte ist längst nicht auserzählt und ihr Fortgang ungewiss: Das Geschäft mit den Minen läuft mies, der prächtigen Vorräte zum Trotz.

Allein 6000 Minen liegen brach: zu alt, eine Modernisierung zu teuer. Ihre Rückstände ver­seuchen die Erde und das Wasser. Die Staub­lungen der Arbeiter, die dort geschuftet haben, Generation um Generation, ohne Rechte und ohne Schutz, sind nicht zu heilen. Weil die Kinder der Goldschürfer von einst ohne das Goldschürfen keine Zukunft haben, schürfen sie weiter in den stillgelegten Tunneln, auf eigene Faust oder von Bandenchefs getrieben. »Zama Zamas« werden diese illegalen Goldgräber genannt – »Versuch es weiter«, bedeutet das auf Zulu. Auch in den noch offiziell betriebenen Goldminen gibt es immer wieder Pannen und Unglücke. Die Politik ist machtbesessen und machtlos wie eh und je. Die Bergarbeiter-Gewerkschaften sind unnachgiebig wie nie. Das jüngste Kapitel der Geschichte des südafrikanischen Bergbaus handelt davon, wie der größte Schatz zu immer größerem Chaos führt.

Der südafrikanische Fotograf Dillon Marsh hat ein wahrhaftiges Interesse an dem Land, aus dem er stammt. Für die hier gezeigte Serie For What It’s Worth – frei übersetzt »Was immer es wert ist« – hat Marsh ehemalige und aktuelle Bergbaugebiete fotografiert. Und dann am Computer Kugeln hinein­montiert, die maßstabsgetreu der Menge der bisher dort geförderten Rohstoffe entsprechen. Marsh sagt, es habe ihn zunächst ganz naiv interessiert, wie viel da aus dem Boden kommt. Er sagt auch, dass er in dieser sein Land so prägenden Sache keine Position beziehen wolle. Aber harmlos ist Marshs Arbeit nicht. Indem er in seine Bilder eingreift, verdeutlich er, wie sehr der Mensch in die Natur eingreift. Und indem er die Menschen, für die jene Orte und Stoffe alles bedeuten, nicht zeigt (und etwa dort, wo zuletzt streikende Bergarbeiter niedergemetzelt wurden, nur einen riesigen, glänzenden Platin-Ball hinsetzt), löst Marsh beim Betrachter automatisch die quälende Frage aus: Worum geht es hier eigentlich?

Das Wichtigste auf Dillon Marshs Bildern sind nicht die merkwürdigen Kugeln, die man sieht. Sondern das, was man nicht sieht. Sein Werk zeigt, dass die Landschaft nie ohne die Geschichte des Landes und seiner Menschen zu betrachten ist. Weil da Wunden sind und bleiben.

Aus der Kimberley-Mine in der Provinz Northern Cape kommen Diamanten. Seit 1867 insgesamt 14 Millionen Karat. Sie werden hier durch die Stecknadel im See visualisiert.
Aus der Kimberley-Mine in der Provinz Northern Cape kommen Diamanten. Seit 1867 insgesamt 14 Millionen Karat. Sie werden hier durch die Stecknadel im See visualisiert. Dillon Marsh
Iridium gehört zur Gruppe der Platinmetalle. 124 Tonnen davon wurden bisher in Südafrika abgebaut. Iridium wird vor allem für Legierungen im Bereich der Präzisionsmessungen, in der Medizin und im Maschinenbau verwendet.
Iridium gehört zur Gruppe der Platinmetalle. 124 Tonnen davon wurden bisher in Südafrika abgebaut. Iridium wird vor allem für Legierungen im Bereich der Präzisionsmessungen, in der Medizin und im Maschinenbau verwendet. Dillon Marsh
Das Platin-Metall Osmium ist das dichteste natürlich auf der Erde vorkommende Element. Diese Kugel von Dillon Marsh entspricht neunzig Tonnen: So viel Osmium wurde bis heute in Südafrika gefördert, als Nebenprodukt bei der Gewinnung anderer Edelmetalle.
Das Platin-Metall Osmium ist das dichteste natürlich auf der Erde vorkommende Element. Diese Kugel von Dillon Marsh entspricht neunzig Tonnen: So viel Osmium wurde bis heute in Südafrika gefördert, als Nebenprodukt bei der Gewinnung anderer Edelmetalle. Dillon Marsh
Der Platin-Bergbau ist eines der jüngsten Kapitel in der Geschichte des südafrikanischen Minengeschäfts. Und ein blutiges: Am 16. August 2012 erschoss die Polizei beim »Marikana-Massaker« 34 streikende Bergleute, die sich mit vielen anderen auf diesem Hügel, »koppie« genannt, versammelt hatten. Dillon Marsh stellte einen 3-D-Ball ins Bild, der der bis heute in Südafrika ge­förderten Menge an Platin entspräche.
Der Platin-Bergbau ist eines der jüngsten Kapitel in der Geschichte des südafrikanischen Minengeschäfts. Und ein blutiges: Am 16. August 2012 erschoss die Polizei beim »Marikana-Massaker« 34 streikende Bergleute, die sich mit vielen anderen auf diesem Hügel, »koppie« genannt, versammelt hatten. Dillon Marsh stellte einen 3-D-Ball ins Bild, der der bis heute in Südafrika ge­förderten Menge an Platin entspräche. Dillon Marsh
87 Prozent des weltweit geförderten Rhodiums, das unter anderem für Fahrzeugkatalysatoren verwendet wird, stammen aus Südafrika. Diese Kugel entspricht 404 Tonnen.
87 Prozent des weltweit geförderten Rhodiums, das unter anderem für Fahrzeugkatalysatoren verwendet wird, stammen aus Südafrika. Diese Kugel entspricht 404 Tonnen. Dillon Marsh
Witwatersrand heißt ein 200 Kilometer langer Höhenzug im Nordosten von Süd­afrika. Hier lagern die größten Goldreserven der Welt, und hier begann der südafrikanische Goldrausch. Auf diesem Bild ist ein stillgelegtes Goldabbaugelände im »West Rand« zu sehen, wo seit 1887 ins­gesamt 3172 Tonnen Gold ge­wonnen wurden – im Maßstab entspricht diese Menge der ins Bild montierten Kugel.
Witwatersrand heißt ein 200 Kilometer langer Höhenzug im Nordosten von Süd­afrika. Hier lagern die größten Goldreserven der Welt, und hier begann der südafrikanische Goldrausch. Auf diesem Bild ist ein stillgelegtes Goldabbaugelände im »West Rand« zu sehen, wo seit 1887 ins­gesamt 3172 Tonnen Gold ge­wonnen wurden – im Maßstab entspricht diese Menge der ins Bild montierten Kugel. Dillon Marsh

Der Fotograf wurde 1981 in Kapstadt geboren, wo er 2003 seinen Kunst-Abschluss an der Universität Stellenbosch machte – und bis heute lebt.

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