KunstWie entsteht ein Kunstwerk?

Aus Heft 26/20

Lesezeit: 28 Min.

Wie Leonardo da Vincis »Vitruvianischer Mensch« kann Richter mit seinen Extremitäten jeden Winkel der Leinwand im Prinzip aus dem Stand erreichen. Zu einer kleinen Leiter greift er später trotzdem.
Wie Leonardo da Vincis »Vitruvianischer Mensch« kann Richter mit seinen Extremitäten jeden Winkel der Leinwand im Prinzip aus dem Stand erreichen. Zu einer kleinen Leiter greift er später trotzdem. Hanna Putz

Der Maler Daniel Richter hat das SZ-Magazin einmal den ganzen Weg von der leeren Leinwand bis zur ausverkauften Ausstellung begleiten lassen – einen Prozess, der sonst im Verborgenen stattfindet. Eine Reportage über Zeitdruck, Hip-Hop und das Hadern mit dem falschen Grün.

Von Peter Richter Fotos: Hanna Putz

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Falls sich jemand den Augenblick, in dem ein Gemälde zur Vollendung kommt, als ­einen besonders feierlichen Moment in der Einsamkeit des Ateliers vorstellt: Es geht auch anders. Auf dem Gipfelpunkt dieser Geschichte wird der Maler Daniel Richter letzte Striche rund um die große Faust auf der linken Seite der Leinwand setzen und dazu vor sich hin pfeifen. Die Papageien im Atelier werden das Pfeifen aufnehmen und übertönen. Richters Lebenspartnerin, die ­Fotografin Hanna Putz, wird ein paar Mal mit einem lauten Klacken ihre Kamera auslösen. Und im Deutschlandfunk wird ein Sprecher über die Datenschutz-Grundverordnung der EU reden. Richter wird leise nachschmeckend die Wortgruppe »Inovationsbremse Datenschutz« wiederholen, während er sich noch einmal die aufgeplusterte gelbe Form vornimmt, in der er erst einige Tage zuvor ein wenig erschrocken die Frisur von Donald Trump erkannt hat. Deswegen und auch weil das Gemälde in zwei sehr unterschiedliche Hälften zerfällt, werde ich auf die USA zu sprechen kommen, die zuletzt so oft als »gespaltenes Land« beschrieben worden sind. Das wird Putz zum Anlass nehmen, den afroamerikanischen Comedian Dave Chappelle zu erwähnen, weil der diese Spaltungsrhetorik in seinem Programm als Mythos behandele. Daran anschließend wird sie kritisieren, dass dieses Programm auf Netflix als »politisch unkorrekt« angepriesen wird. Das wiederum wird Richter veranlassen, der Kritik an dieser ­kontaminierten Floskel beizupflichten und den politischen Ansatz von Chappelle gegen eine Haltung zu verteidigen, die sich schon dadurch für frech halte, dass sie »die alten Denkmuster festklopft«.

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