"Hit, Hit, Hurra: Chartskolumne"Tu felix Austropop

Lesezeit: 2 Min.

Nach Wanda und Bilderbuch heißt das jüngste Beispiel der neuen österreichischen Welle: Seiler und Speer. Ihr Lied »Ham kummst« steht bislang nur im eigenen Land auf Platz 1. Zu Unrecht.

Von: Max Fellmann

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Ganz Europa ist in der Hand von Adele, nur in Österreich halten zwei komische Vögel sie eisern von Platz eins der Charts fern. Ausgerechnet zwei Typen, die im Video zu ihrem Hit »Ham kumms« mit Proll-Perücken und falschen Ekelgebissen rumtanzen. Alberne Verkleidung, alles total dubios, dann aber: dieses Lied!

Super charmant, mitreißend, melodiös, witzig. Hätte es verdient, zugleich Sommerhit und Après-Ski-Hit zu werden (es wäre dann der erste gute Après-Ski-Hit aller Zeiten). Blöd nur, dass zum Après-Ski der Schnee fehlt und zum Sommer-Hit der Sommer. Dabei genügen den beiden eine akustische Gitarre, ein bisschen Bassdrum und eine umwerfende Melodie, schon kriegt man »Ham kummst« tagelang nicht mehr aus dem Kopf. Klingt ein bisschen nach Latin-Pop in Lagerfeuer-Version, wie Juanes' »La Camisa Negra«, aber ohne den ganzen unnötigen Zinnober. Der Text ist so ein klassischer Ich-bin-betrunken-heimgekommen-jetzt-ist-mein-Mädchen-sauer-Jodler, besonders schön durch das Niederösterreichisch: »Letzte Nocht woa a schware Partie fia mi / Olle haums mi eiglodn, und do sogt ma ned na, na, na«.

Also was ist das da jetzt? Was sind das für Kerle? Warum sind die in Österreich – und nur da – so erfolgreich? Christopher Seiler ist eigentlich Schauspieler, Bernhard Speer Filmemacher, sie haben ein paar Sketche zusammen gedreht, auch mal ein Lied geschrieben. Dann im Oktober ein Album veröffentlicht, zack, seitdem liebt sie ganz Österreich.

Jetzt ist es ja so, dass in Österreich zurzeit sowieso einiges geht. Die Bands Wanda und Bilderbuch werden in Deutschland als eine Art NöW gefeiert, eine Neue österreichische Welle. Österreichische Musik ist im ganzen deutschen Sprachraum erfolgreich. Aber das Lied von Seiler und Speer läuft gerade mal auf ein paar bayerischen Radiosendern, der Rest Deutschlands hat von der Existenz der Zwei noch nichts mitgekriegt. Dabei hätte der Song genau so viel Erfolg verdient wie jeder Wanda-Song.

Worin also besteht der Unterschied zwischen diesem Duo und den anderen neuen Stars aus dem Nachbarland? Der österreichische Kollege in der SZ-Magazin-Redaktion erklärt, auf merkwürdige Weise sei »Ham kummst« viel österreichischer, viel echter als das, was Wanda machen. Offenbar singen Wanda – für Wiener Ohren – ein eher künstliches Idiom, es klingt für Deutsche exotisch österreichisch, für Österreicher aber einstudiert, über-österreichisch. Bei Seiler und Speer dagegen könne man hören, dass sie eher dem guten alten Austro-Pop zuzurechnen seien als der NöW. Der Kollege sagt, man höre bei »Ham kummst« die direkte Patenschaft von Wolfgang Ambros und Georg Danzer, da sei nichts ironisch gebrochen, im Gegenteil, da sei so viel Herz zu spüren.

Hübsche Pointe. Da treten zwei Männer mit blödligen Verkleidungen und viel Holzhammerhumor an, spritzen im Video mit Champagner rum und tun alles, um möglichst luuustig zu wirken – und ihr Lied tut einfach das Gegenteil, geht zu Herzen, berührt, haut die Leute um. Gegen eine Melodie, die sich direkt ins Herz bohrt, helfen auch die größten Holzhämmer nichts.

Ein Hinweis noch: Sollte in den nächsten Tagen die Redaktion des SZ-Magazin schwer zu erreichen sein, kann es daran liegen, dass gerade keiner das Telefon hört. Weil ununterbrochen in Stadionlautstärke »Ham kummst« läuft. Auch a schware Partie für uns.

Erinnert an: Juanes, aber auf österreichisch.
Wer kauft das? Ganz Österreich.
Was dem Song gut tun würde: Mehr Hörer auch bei uns (aber hat er das überhaupt nötig?).

Foto: Screenshot

Illustration: Grafilu

Auf welches Lied können sich gerade alle einigen? Warum? Und was ist das Besondere daran? In dieser Kolumne besprechen Max Fellmann und Jan Stremmel jede Woche die Hits der aktuellen Single-Charts. Fellmanns Favoriten in der Geschichte der Nummer-eins-Hits bis jetzt: »Azzurro« von Adriano Celentano (Italien 1968); »House Of Fun« von Madness (Großbritannien 1982), »U Can’t Touch This« von MC Hammer (Schweden 1990), »Emanuela« von Fettes Brot (Österreich 2005) und »Blurred Lines« von Robin Thicke (Deutschland 2013).

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