"Hit, Hit, Hurra: Chartskolumne"Dieses Kribbeln im Bauch

Lesezeit: 2 Min.

Mit seinem Song »Are you with me« bringt der DJ Lost Frequencies ein bisschen Melancholie in die Charts. Obwohl er einem bewährten Strickmuster folgt, klingt sein Hit ungewöhnlich. Nämlich: geheimnisvoll.

Von: Max Fellmann

Lost Frequencies »Are You With Me«

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Ach schön. Tut gut, wenn es mal ein bisschen melancholisch wird in den Charts, oder? Wenn im Privatradio morgens nicht nur die gute Laune trompetet, sondern auch mal ein paar schüchterne Töne vorbeiwehen, ein angedeuteter Dance-Beat, der nie zum totalen Wumms durchstartet, die Akkorde nur verhaltene Pizzicato-Töne, dazu eine Stimme, die drei, vier Zeilen singt, introvertiert, ein bisschen flehentlich. Dass es so etwas auf Platz eins schafft, überrascht.

Der Belgier Felix De Laet ist erst 21 Jahre alt, er macht Musik unter dem Namen Lost Frequencies, »Are You With Me« ist seiner erster Hit. Und der funktioniert – wie viele Hits der letzten Jahre – nach dem Prinzip: Nimm ein paar Takte aus dem Song eines völlig unbekannten Menschen, jag sie durch den Computer, stell sie in einen neuen Zusammenhang, und zähl dann deine iTunes-Downloads.

Eigentlich stammt »Are You With Me« von einem amerikanischen Country-Sänger namens Easton Corbin. Das Original ist zähe Feierabend-Soße für amerikanische Barbecue-Nachmittage, es enthält auch noch einen Refrain, den echt keiner hören will. De Laet hat nur die Strophe verwendet, und das geht auf. Hat schon bei Eminem funktioniert, als der eine Strophe aus Didos »Thank You« für seinen Hit »Stan« übernahm (und den Original-Refrain schön unter den Tisch fallen ließ). Hat beim »Reckoning Song« geklappt, der vor drei Jahren ein Riesenradiodauerhit für einen Mann namens DJ Wankelmut wurde, aber eigentlich auf einem Lied des israelischen Sängers Asaf Avidan basierte. Und immer so weiter.

Es mag esoterisch klingen, aber das Geheimnis ist vielleicht das: In all diesen Fällen entsteht eine besondere Spannung daraus, dass die Stimmung des Originals und die Stimmung des neu gebauten Songs nicht hunderprozentig zusammenpassen, es bleibt immer ein Rest von Disparatheit, von Entfremdung. So entsteht Musik, die bei aller Tanzbarkeit und Radiokompatibilität eine Menge Melancholie verströmt, es ist, als würden zwischen den Klangbausteinen des Hitformats, zwischen Synthi-Akkorden und Drumcomputern, Stimmen aus einer anderen Welt rufen. Sie tauchen auf wie hinter einem Schleier und erzählen davon, dass es zwischen den Zeilen immer noch etwas gibt, das wir nur ahnen, aber nicht sehen können. Are you with me?

Erinnert uns an: Paul Kalkbrenner.

Wer kauft das? Menschen, die einen diskreten Hüftschlenker der Großraumdisco vorziehen.

Was dem Song gut tun würde: Ein bis zwei Minuten mehr – die Radioversion ist bloß 2:18 Minuten lang. Aber Vorsicht: nicht deshalb die Remix-CD kaufen – alle darauf enthaltenen Versionen sind unerträglich!

Foto: Kontor Records

Illustration: Grafilu

Auf welches Lied können sich gerade alle einigen? Warum? Und was ist das Besondere daran? In dieser Kolumne bespricht Max Fellmann jede Woche die Hits der aktuellen Single-Charts. Seine Favoriten in der Geschichte der Nummer-eins-Hits bis jetzt: »Azzurro« von Adriano Celentano (Italien 1968); »House Of Fun« von Madness (Großbritannien 1982), »U Can’t Touch This« von MC Hammer (Schweden 1990), »Emanuela« von Fettes Brot (Österreich 2005) und »Blurred Lines« von Robin Thicke (Deutschland 2013).

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