"Hit, Hit, Hurra: Chartskolumne"Ace Tee: Mit Mom-Jeans zum US-Erfolg

Lesezeit: 2 Min.

Ace Tee vor ihren Mom-Jeans-tragenden Tänzerinnen. Auch Anglerhüte und Jeanswesten sind im Video zu sehen.
Ace Tee vor ihren Mom-Jeans-tragenden Tänzerinnen. Auch Anglerhüte und Jeanswesten sind im Video zu sehen. Pressebild

Die Hamburgerin Ace Tee wird für ihren Song »Bist du down« in den USA gefeiert - obwohl sie auf Deutsch singt. Was fasziniert die Amerikaner an dem Hit? Unser Autor hat eine Erklärung.

Von: Jan Stremmel

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Die amerikanische Vogue hatte Fragen über Fragen. Wo genau hatte Ace Tee ihr Musikvideo gedreht? Wer hatte die irre stylishen Klamotten besorgt? Und woher kamen diese türklopfergroßen Ohrringe? So viel Neugier hat eine völlig unbekannte deutsche Sängerin wohl noch nie unter US-Medien erzeugt. Das National Public Radio und das Paper Magazine haben begeistert über sie berichtet, dazu ein halbes Dutzend prominenter Modeblogs.

Ist sowas überhaupt schon mal passiert? Dass man in den USA einen R'n'B-Song in deutscher Sprache abfeiert? Zumal einen, den selbst hierzulande noch kaum jemand kennt? Es muss etwas besonderes auf sich haben mit dem Song »Bist du down« von Ace Tee, einer 23-jährigen Haarstylistin aus Hamburg.

Tarin Wilda, so heißt sie bürgerlich, hat den Song kurz vor Silvester veröffentlicht. Ein paar Hip-Hop-Blogs schrieben darüber, ansonsten bekam das Lied keine besondere Aufmerksamkeit. Dann schrieb eine kanadische Twitternutzerin Anfang Januar »The new TLC are German, pass it on« und twitterte den Link zum Video. TLC, das war diese R'n'B-Gruppe, die in den Neunzigern mit »Waterfalls« bekannt wurde. Zehntausende Retweets später haben diese Woche jedenfalls auch die Deutschen die angeblichen »neuen TLC« aus ihrem Land entdeckt - bei Spotify steht »Bist du down« in den Top Ten der Viral-Charts.

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Die Frage ist also: Warum?

Das Lied ist ein träge pochender Hip-Hop-Beat mit Lo-Fi-Schlagzeug und geschmeidigen Synthie-Flächen. Darüber singt Tarin Wilda mit murmelnder, oft schwer verständlicher Stimme, hin und wieder rappt sie kurz. Eine gut produzierte, fein austarierte Melange irgendwo zwischen Aaaliyah und Tic Tac Toe. Sehr entschieden Neunziger. Aber: nicht gerade ein eindeutiger Superhit, auch nach ein paar Durchläufen bleibt kein richtiger Ohrwurm hängen. Reicht das schon, um amerikanische Ohren zu begeistern?

Vielleicht liegt die Erklärung eher im Video. Das sieht aus, als hätte jemand es mit dem Videorekorder von VIVA aufgenommen, das Bild ist etwas unscharf und im 4:3-Format geschnitten. Man sieht: einen Haufen hübscher Menschen, die vor Graffitiwänden unter einer Bahnbrücke tanzen, oder nein, besser gesagt: eher nebenher zum Beat wackeln. Nennt man das vielleicht grooven? Auf jeden Fall sieht es nicht nach Choreographie aus, sondern nach einem sympathisch bekifften Freundeskreis, zu dessen nächster Party man gerne eingeladen wäre. Der Song wird erst dank des Video zum außergewöhnlichen Happening.

Und dann wird auch klar, warum ausgerechnet Modemagazine auf den Clip gestoßen sind. Die Outfits von Ace Tee und ihren Freunden sehen aus wie mit großer Lust direkt aus der Zeitmaschine gefischt: übergroße gelbe Parkas, Anglerhüte, Fila-Sweatshirts, Jeanswesten und Mom-Jeans - so stilsicher und konsequent haben bisher höchstens ein paar Ultra-Hipster die Neunzigerjahre neu interpretiert. Kein Wunder, dass die Vogue sehr genau wissen wollte, wo denn dieses und jenes Outfit herkomme.

Vielleicht ist das nun die Erklärung für den Erfolg auf US-Modeblogs: Das Video ist fashionmäßig unglaublich auf den Punkt. Der Song passt in seiner radikalen Neunzigerhaftigkeit perfekt dazu. Dass die Lyrics deutsch sind, stört nicht weiter - klingt nicht schlecht, könnte aber für Amerikaner letztlich auch Klingonisch sein. Für sie ist »Bist du down« nur der Soundtrack zu einem extrem gelungenen Mode-Video.

Pressebild

Foto: Screenshot; Arnold Hammer/Nur!Musik

Illustration: Grafilu

Auf welches Lied können sich gerade alle einigen? Warum? Und was ist das Besondere daran? In dieser Kolumne besprechen Jan Stremmel und Max Fellmann jede Woche die Hits der aktuellen Single-Charts. Jan Stremmel ist von Hitparaden fasziniert, seit er sie als Kind im Autoradio seiner Eltern hörte: immer Freitagabend auf der Heimfahrt vom Judo-Training. Für Platz drei bis eins blieb er häufig noch eine Viertelstunde im geparkten Auto sitzen.

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