»Ich war auf der Strecke Berlin–München unterwegs, per Flugzeug. Ich habe die Angewohnheit – oder den Tick –, stark und schnell mit meinem Bein zu wackeln. Meine Sitznachbarin sprach mich ruhig, freundlich und bestimmt an, dass sie starke Flugangst habe und das Wackeln mit dem Bein bei ihr ein starkes Schwindelgefühl auslöse. Ich habe das Wackeln unterbunden, kein gutes Gefühl, aber auch längst nicht so schlimm wie Schwindel. Nun habe ich mich innerlich aber schon gefragt, ob man zwischen Berlin und München fliegen muss, wenn man starke Flugangst hat. Ausgesprochen habe ich die Frage nicht, da ich nicht eskalierend und provokant sein wollte. Ist es ungebührlich, sich diese Frage zu stellen?« Henning M., München
Nein, es ist nicht ungebührlich, sich diese Frage zu stellen. Es ist doch schön, wenn man sich Fragen stellt. Und man kann den Gedankengang, der zu Ihrer Frage führte, ja auch sehr gut nachvollziehen. Es gibt keinen größeren Quatsch, als von Berlin nach München zu fliegen. Aus Erfahrung sind die Züge auf dieser Strecke nicht immer, aber doch meistens relativ pünktlich. Das heißt, man ist innerhalb von vier bis fünf Stunden am Ziel, natürlich unter dem derzeit üblichen Vorbehalt von weiteren, wenn alles gut geht, ein bis, toi, toi, toi, zwei Stunden. Dafür muss man nicht raus an den fürchterlichen BER-Flughafen und ist beim Ankommen gleich mitten in der Stadt und nicht erst eine weitere Stunde mit der S-Bahn unterwegs, die wirklich sehr oft hält.
Oder fragen Sie, ob es ungebührlich gewesen wäre, Ihrer Sitznachbarin diese Frage zu stellen? Da käme es, denke ich, wie so oft auf den Tonfall an. Man kann eigentlich fast alles fragen, wenn man es freundlich macht und mit dem zur Situation passenden Feingefühl. Ihre Sitznachbarin hat sich ihrerseits ja auch getraut, Ihnen etwas zu sagen, da waren Sie ja eigentlich schon halb im Gespräch. Man kann doch ganz ernsthaft und ohne unhöflich zu sein die Neugierde zum Ausdruck bringen, warum man, bei Flugangst, auf dieser kurzen Strecke fliegt. Es wäre wirklich interessant, was der Grund dafür war. Vielleicht hat sie auch im Zug Angst, also Angst vor Menschen oder vor geschlossenen Räumen, oder vor Menschen in sich bewegenden geschlossenen Räumen? Oder dieser Flug war Teil einer Anti-Flugangst-Therapie, bei der sie sich der Angst aktiv aussetzen sollte? Leider werden wir alle das nun nie erfahren. Weil Sie nicht gefragt haben. Na ja, gut, wir werden darüber hinwegkommen. Aber Frage an Sie: Warum um Himmels willen sind Sie von Berlin nach München geflogen?

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