Gute Frage an Johanna AdorjánDarf man die Essenszeiten im Hotel überziehen?

Aus Heft 10/26

Lesezeit: 2 Min.

Foto: Serge Bloch (Illustration)

Nein, findet unsere Leserin, aus Respekt vor dem Personal. Ihre Freundin nimmt es leider deutlich gelassener. Wie viel Rücksicht ist nötig? Der Rat unserer Kolumnistin ist gefragt.

Von Johanna Adorján

I

»Ich gehe von Zeit zu Zeit in ein kleines Wellnesshotel, um mir eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Neulich habe ich eine Freundin dorthin mitgenommen. Es gibt in dem Hotel feste Essenszeiten: Frühstück von 7 bis 10.30 Uhr und Abendessen von 18.30 bis 20 Uhr. Ich achte sehr darauf, dass ich die Zeiten einhalte, aus Respekt vor dem Personal und dem Organisationsablauf im Hotel. Meine Freundin nahm das alles sehr locker und überzog die Essenszeiten mehr oder weniger. Weil ich sie nicht allein sitzen lassen wollte, blieb ich ziemlich unentspannt auch so lange am Tisch, bis sie fertig war. Drängen wollte ich sie nicht, weil sie eine sehr langsame Esserin ist. Wir waren immer die Letzten, die den Speisesaal verließen. Es war mir sehr peinlich. Bin ich zu wenig locker, oder ist sie nicht rücksichtsvoll genug?« Anonym, per Mail

An dieser einen Stelle Ihres Lebens erscheinen Sie mir, und bitte verzeihen Sie, dass ich so direkt bin, tatsächlich ein wenig unlocker. Sie schildern die Situation so schön anschaulich, dass man sich richtig vorstellen kann, wie Sie beide da spätmorgens im Speisesaal sitzen. Sie haben Ihre Tasse Kaffee längst leer getrunken, Ihr Müsli mit den frischen Beeren vor Urzeiten aufgegessen, die anderen Tische sind bereits abgedeckt, aus der Küche ist Geschirrklappern zu hören. Es ist 10.29 Uhr, Sie haben die Uhr im Blick. Da steht Ihre Freundin auf und holt sich in aller Ruhe erst mal noch eine Portion lauwarme Eierspeise, die sie anschließend seelenruhig verzehrt.

Dazu zwei Gedanken: Zum einen ist dies ja ein Wellnesshotel. Ihre Freundin scheint das ernst zu nehmen. Sie lässt sich nicht stressen, wirkt tiefenentspannt, isst langsam, wozu Gesundheitsfachleute raten. Zweitens: Die Leute, die in diesem Hotel arbeiten, würden bestimmt etwas sagen, wenn es denn wirklich ihren Betrieb auf­halten würde, dass Sie noch dort sitzen. Zumal es ja vorgeschriebene Zeiten gibt, auf die sie sich berufen könnten, ohne unhöflich zu sein. Ich glaube, dass Sie als Gast diese Zeiten so minutiös im Kopf haben, ist ein Hinweis darauf, dass Sie während Ihrer Auszeit innerlich noch nicht zur Ruhe gekommen sind.

Um die Situation für Sie positiv zu ver­ändern, haben Sie zwei Möglichkeiten. Entweder nehmen Sie sich an Ihrer Freundin ein Beispiel. Oft nervt einen ja auch an anderen am allermeisten, was man sich selbst nicht zugesteht. So könnte in Ihrem inneren Stress, was diese Situation angeht, eine Handlungsanweisung an sich selbst versteckt sein. Oder aber Sie harren nicht länger innerlich kochend neben Ihrer friedlich kauenden Freundin aus, sondern gehen einfach allein schon mal vor, in die Sauna.

Illustration: Grafilu

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