Gute Frage an Johanna AdorjánIst der noch ganz dicht?

Aus Heft 15/26

Lesezeit: 2 Min.

Illustration: Serge Bloch

Unser Leser hat auf einer Raststätte beobachtet, wie ein Autofahrer sich mittags Schnaps einschenkt – und nicht eingegriffen. Hätte er den Mann ansprechen sollen? Oder die Polizei rufen? Johanna Adorján weiß Rat.

Von Johanna Adorján

I

»Ich hielt mittags an einer Raststätte, um das Scheibenwischwasser aufzufüllen. Mein Blick fiel in den Wagen neben uns. Der Mann auf dem Fahrersitz schenkte sich aus einer Branntweinflasche in einen Becher ein und füllte diesen mit einem Energy-Drink auf. Er war allein im Wagen. Als ich wieder losfuhr, trank er aus dem Becher. Ich sprach ihn nicht an, weil er meinen Blicken zuvor wenig freundlich begegnet war. Und ich wusste auch nicht, ob es möglich wäre, die Polizei zu bitten, hier einen Alkoholtest zu machen. Seither bin ich in einem moralischen Konflikt, der mir keine Ruhe lässt. Denn letztes Jahr verlor eine Bekannte ihren Sohn durch einen betrunkenen Autofahrer, der ungebremst in dessen Auto hineinfuhr.«  Jörg B., Schweinfurt

Sie haben total recht, sich diese Frage zu stellen, auch wenn es für diesen konkreten Fall im Nachhinein natürlich zu spät ist. Wäre es möglich, die Uhren zurückzudrehen, würde man Ihnen wohl raten wollen, den Mann anzusprechen. Dann wiederum hört man neuerdings so viel von Leuten, die wegen irgendetwas, das ihnen gegen den Strich geht, durch­drehen und plötzlich ein Messer zücken. Aus Ihrer Schilderung geht hervor, dass die Stimmung zwischen Ihnen und dem sich Hochprozentiges einschenkenden Auto­fahrer nicht zum Allerbesten war. Man kann also verstehen, dass Sie nichts sagten.

Was Sie auf jeden Fall hätten tun können: die Polizei anrufen. »Wenn Bürgerinnen und Bürger eine verdächtige Wahrnehmung feststellen, beispielsweise bei einer mög­lichen Trunkenheitsfahrt wie hier beschrieben, sollten sie nicht zögern, die Notrufnummer 110 zu wählen.« Sagt Tamara Djukaric, Polizeihauptmeisterin und Sprecherin des Polizeipräsidiums Münchens, an die ich Ihre Frage weiterreichte. Wenn der Mann alkoholisiert tatsächlich noch weitergefahren ist, wäre dies möglicherweise eine Ordnungswidrigkeit oder sogar Straftat. In solchen Situationen, sagt Tamara Djukaric, könne die schnelle Reaktion der Polizei helfen, die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer zu vermeiden. »Alkohol oder Drogen am Steuer sind eine erhebliche Gefahr für alle im Straßenverkehr – sowohl für den Fahrer selbst als auch für andere Verkehrsteilnehmer. Das schnelle Einschreiten der Polizei kann Unfälle verhindern und dafür sorgen, dass der Fahrer gegebenenfalls noch vor einer möglichen Gefährdung aus dem Verkehr gezogen wird.« Allen, die in einer ähnlichen Situation wie Sie zögern, ob sie die 110 wählen sollen, weil sie sich nicht sicher sind, ob das wirklich schon ein Notfall und der Anruf also gerechtfertigt ist, sagt sie: »Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig.«

Illustration: Grafilu

Johanna Adorján
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