»Kürzlich besuchte ich die gigantische Gerhard-Richter-Ausstellung in Paris. Während meines Rundgangs wurde ich unfreiwillig von einem Besucher begleitet, der ungefähr dasselbe Tempo wie ich hatte und deshalb meistens im selben Raum war. Während des Besuchs signalisierte sein Smartphone sehr laut permanent eingehende Nachrichten. Im Konzert wäre das undenkbar, im Museum scheint das irgendwie okay zu sein. Für mich ist ein Museumsbesuch aber einem Konzertbesuch ähnlich, auch wenn andere Sinne angesprochen werden. Ich möchte mich auf die Kunst konzentrieren, dabei stört mich das ständige Gepiepse massiv. Bin ich da zu empfindlich, muss man das einfach akzeptieren, oder wäre es auch okay gewesen, wenn ich den Herrn darauf hingewiesen hätte?« Andreas F., Stuttgart
Ich würde sagen: beides. Sie sind etwas empfindlich, was ein Museum angeht, und es wäre gleichzeitig okay gewesen, wenn Sie den Herrn gebeten hätten, sein Handy leise zu machen. Wobei wir natürlich nicht wissen können, wie der betreffende Herr reagiert hätte. Es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass er Ihnen daraufhin direkt eine gedonnert hätte. Schlimmstenfalls hätte er abgelehnt, aber dann wären Sie wenigstens für sich eingestanden.
Als etwas empfindlich bezeichne ich Sie deshalb, weil man ja eigentlich weiß, dass man im Zusammenspiel mit Menschen im öffentlichen Raum Abstriche machen muss. Im Kino werden geräuschhaft um einen herum Popcorn oder Nachos verspeist (auch von mir übrigens), im Zug beißen Umsitzende krachend in Äpfel, um diese dann laut zwischen ihren Zähnen zu zermalmen. Auf der Straße verderben einem die Leute den eigenen liebgewonnenen zügigen Schritt, die vor einem im Gehen Handy lesen und daher nur geisterhaft an der Wirklichkeit teilnehmen. Beim Sport breiten Leute mit aktiven Schnupfennasen ihre Matte neben einem aus. Und im Museum interessiert sich halt jemand für dieselben Gemälde wie man selbst, der gleichzeitig einen Ehestreit hat, oder was wissen wir.
Sie hätten ihn auf jeden Fall bitten können, sein Gerät auf Vibration zu stellen. Oder ihn darauf hinweisen, dass da offenbar eine Nachricht kam (vielleicht war er schwerhörig), und somit signalisieren, dass jeder das mitkriegt – womöglich hätte so ein kleiner Hinweis das Problem schon behoben. Oder Sie hätten schnell einen Kaffee zwischentrinken und Ihre Visite dann fortsetzen können, wenn der arme Herr wieder in seinem schrecklich anstrengenden Leben außerhalb des Museums gewesen wäre. Und ist es nicht schön, dass auch er ein Freund der Kunst war! Grundsätzlich aber gebe ich Ihnen recht: Nichts ist enervierender als Menschen.

Johanna Adorján
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