Gute Frage an Johanna AdorjánSchwein gehabt!

Aus Heft 13/26

Lesezeit: 1 Min.

Illustration: Serge Bloch

Was tun, wenn Gäste am Nachbartisch ein Gericht bestellen, das sie aus religiösen Gründen womöglich  gar nicht essen dürften? Unser Leser hat das erlebt – und fragt unsere Kolumnistin, ob er etwas hätte sagen sollen.

Von Johanna Adorján

E

»Es ist schon Jahre her, aber es beschäftigt mich manchmal noch immer. Ich war damals in einem Restaurant in Wien. Am Nebentisch saß eine Gruppe Israelis, die voller Begeisterung Schnitzel bestellte. In diesem Lokal gab es allerdings nur Schnitzel ›Wiener Art‹, also die aus Schweinefleisch. Hätte ich mich einmischen sollen oder gar müssen, um ihnen und dem Kellner zu erklären, dass sie das eigentlich nicht essen dürfen? Ich habe nichts gesagt.« Matthias K., Mexiko-Stadt

Ihr Impuls, etwas sagen zu wollen, war gut gemeint und zeugt von einem grundsätzlichen Interesse an Menschen, Kulturen, der Welt. Allerdings sollten Sie wissen, dass beileibe nicht alle Juden kein Schweinefleisch essen. Es sind auch nicht alle Juden religiös, geschweige denn so religiös, dass sie die religiösen Essensvorschriften einhalten würden. Und sogar unter sehr religiösen Juden gibt es welche, die sich Ausnahmen erlauben – wie in diesem schönen jüdischen Witz, in dem ein Rabbiner zum Metzger kommt, auf den speckig glänzenden Beinschinken in der Vitrine zeigt und sagt: »Ich hätte gerne etwas von diesem Fisch dort.« Sagt der Metzger: »Aber Herr Rabbiner, das ist Schinken!« Darauf der Rabbiner: »Ich habe nicht danach gefragt, wie der Fisch heißt.«

Das also hätte es beim Anblick einer mutmaßlich selig ihr Schnitzel Wiener Art verzehrenden israelischen Reisegruppe mitzudenken gegeben. Hinzu kommt, dass Ihre Annahme, die wussten womöglich nicht, was sie da essen, impliziert, sie hielten diese Reisegruppe für nicht sehr gescheit. Denn würden Menschen, so sie auf die Einhaltung religiöser Speisevorschriften achten, nicht tunlichst recherchieren, was auf ihren Teller kommt? Zumal im Ausland?

Bevor wir nun allzu schnell nicken, sollten wir jedoch noch kurz den Gedankenschlenker zulassen, dass die Mischung ultrafromm und nicht sehr gescheit natürlich aus keiner Weltreligion wegzudenken ist. Dennoch wäre es unangebracht gewesen, die Gruppe vom Nebentisch aus auf ihre eventuelle Sünde hinzuweisen. Denn in welche Rolle hätten Sie sich damit begeben? Neben dem eigenen Gewissen gibt es im Judentum nur einen Oberrichter über die Einhaltung religiöser Gebote, und das sind schätzungsweise nicht Sie. Alles in allem dürfen Sie sich entlastet fühlen: Sie haben vollkommen richtig gehandelt, indem Sie schwiegen.

Illustration: Grafilu

Johanna Adorján
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