Gute Frage an Johanna AdorjánFuchs, du hast den Gruß gestohlen

Aus Heft 14/26

Lesezeit: 2 Min.

Illustration: Serge Bloch

Weil unser Leser, ein Jäger, keine Füchse schießen will, ist sein Hühner haltender Nachbar so erbost, dass er nicht mehr grüßt. Sollte man Gleiches mit Gleichem vergelten und nun selbst nicht mehr grüßen?

Von Johanna Adorján

W

»Wir hatten zig Jahre ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn. Der Nachbar hält am Dorfrand einige Hühner, die natürlich die Füchse interessieren. Er erwartet nun von mir als Jagdpächter, dass ich die Füchse bejage. Ich habe ihm empfohlen, einen stabilen Zaun für seine Hühner zu bauen, und angeboten, ihn bei Vergrämungsmaßnahmen zu beraten. Dazu habe ich erläutert, dass in der Wildbiologie nachge­wiesen ist, dass erhöhter Jagddruck keinen relevanten Einfluss auf die Bestandsdichte hat, eher im Gegenteil, bei erhöhtem Jagddruck steigt die Reproduktionsrate. Leider gehört er eher nicht zu denen, die sich mit wissenschaftlichen Fakten beschäftigen. Jedenfalls grüßt und spricht er nicht mehr mit mir. Soll ich ihn auch ignorieren oder weiter ins Leere grüßen?«  Anonym, per Mail

Ich bin so wahnsinnig erleichtert, dass Ihre Frage nicht, wie eingangs kurz befürchtet, von den Vor- oder Nachteilen der Fuchsbejagung zum Zwecke des Fortbestands einer Gruppe von Hühnern handelt, wo ich mich erst einmal hätte lange einlesen müssen, nicht zuletzt auch, um den mir komplett ungeläufigen Begriff der Vergrämungsmaßnahme zu verstehen. Nun war aber der Ehrgeiz schon erwacht. Vergrämungsmaßnahme bedeutet im Zusammenhang mit Fuchsbejagung, Methoden zu finden, die den Fuchs vergrämen, also ver­treiben, ohne dass er dafür gleich sein Leben lassen muss. Das könnten zum Beispiel akustische Reize sein, die für Fuchsohren unangenehm klingen, oder optische Reize wie reflektierende Bänder. Toll. Total einleuchtend. Vergrämungsmaßnahme! Natürlich!

Aber Ihre Frage zielt auf Zwischenmenschliches ab. Und da würde ich Ihnen raten, es mit einem zu Unrecht oft Balzac zu­geschriebenen Zitat zu halten, das ich trotz der ungesicherten Quellenlage hier auf Französisch wiedergebe, aus dem einzigen Grund, dass es etwas hermacht: »L’indiffé-rence est le plus grand des mépris.« Gleichgültigkeit ist die höchste Form der Ver­achtung. Will sagen: Lassen Sie sich auf keinen Fall von Ihrem Nachbarn dazu verleiten, auch Ihrerseits die guten Manieren zu verlieren. Das würde viel zu feindselig und also getroffen wirken, diese Blöße geben Sie sich bitte nicht. Einfach unbeirrt freundlich weiter grüßen. Guten Tag. Guten Abend. Das kostet Sie nichts und setzt gleichzeitig den anderen ins Unrecht. Außerdem entspricht es Ihrem Harmoniebedürfnis und hält gleichzeitig dem Nachbarn bei jeder Begegnung die Hand zur Versöhnung hin, ohne gleich zu übertreiben. Falls der auf Sie zukommen möchte, bitte, Sie sind da. Mehr Fliegen kann man wohl kaum mit nur einer Klappe erschlagen, um hier ausdrücklich keine Vergrämungsmaßnahme zu bemühen.

Illustration: Grafilu

Johanna Adorján
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