Gute Frage an Johanna AdorjánDarf ich die Geheimnisse einer Verstorbenen offenbaren?

Aus Heft 11/26

Lesezeit: 2 Min.

Illustration: Serge Bloch

Eine Jugendleiterin bewahrt Briefe auf, die Teenager einst an ihr Zukunfts-Ich schrieben. Eine der Teilnehmerinnen von damals lebt nicht mehr. Unsere Kolumnistin hat eine Idee, was die Jugendleiterin mit dem Brief tun könnte.

Von Johanna Adorján

I

»Ich habe vor vielen Jahren eine Jugendgruppe in der Gemeinde geleitet. Im Rahmen einer Übung haben sich die damals 14-Jährigen einen Brief an ihr Zukunfts-Ich geschrieben, in dem sie ihre Wünsche und Hoffnungen sowie ihre  aktuellen Sorgen festgehalten haben. Ich habe diese Briefe zehn Jahre lang aufbewahrt und ihnen vor Kurzem wieder überreicht. Nur einer Teilnehmerin kann ich den Brief nicht mehr geben – sie ist vor fünf Jahren bei einem Skiunfall ums Leben gekommen. Soll ich ihren Eltern an ihrer Stelle den Brief geben? Darf ich das, oder bin ich gar dazu verpflichtet?«Anonym, per E-Mail

Die Mutter einer Freundin von mir starb, als meine Freundin 15 Jahre alt war. Das war in den Achtzigerjahren, lange her. Voriges Jahr starb nun die beste Freundin dieser Mutter. In ihren Sachen fand deren Sohn einen Brief, den die Mutter meiner Freundin ihrer besten Freundin kurz vor ihrem Tod schickte. Sie schrieb ihn am Vorabend, bevor sie ins Krankenhaus ging, im Wissen um ihre schwere Erkrankung. Zehn Tage später starb sie. Der Sohn gab diesen Brief meiner Freundin. Sie hatte große Angst, ihn zu lesen, Angst, dass daraus Bitterkeit sprechen würde, die sie nie wieder würde vergessen können. Dass der Inhalt traurig und schwer wäre. Mehrere Monate lang wagte sie nicht, den Brief zu öffnen. Anfang dieses Jahres nun faltete sie ihn endlich auf. Und las darin Dinge, die sie als riesiges Geschenk empfand. Ihre Mutter schrieb ihrer Freundin, wie sehr sie sich im Kreis ihrer Familie aufgehoben fühle. Wie glücklich sie sich schätze, ihren Mann an ihrer Seite zu wissen. Sie schrieb ihrer Freundin, dass auch diese sich mit ihrem Mann glücklich schätzen könne. Sie schien mit ihrem Schicksal nicht grausam zu hadern, jedenfalls nicht in diesem Moment, in dem sie ihrer Freundin schrieb, so wenige Tage vor ihrem Tod. Für meine Freundin war das, als hätte ihre Mutter ihr aus dem Jenseits, oder wo immer sie jetzt ist, zugerufen, dass es ihr gut gehe, dass sie sich nicht grämen müsse, dass sie sie liebe.

Diese Freundin nun rät mir, Ihnen zu antworten, dass Sie die Eltern kontaktieren und ihnen sagen sollen, dass es diesen Brief gibt. Sie könnten den Eltern die Entscheidung überlassen, ob sie den Brief haben möchten. Und anbieten, ihn andernfalls weiter aufzubewahren, falls sie es sich eines Tages anders überlegen. So hätten die Eltern die Möglichkeit, sich seelisch etwas darauf vorzubereiten, dass sie nach so vielen Jahren unverhofft die Stimme ihrer Tochter wieder hören könnten.

Illustration: Grafilu

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