»Immer wieder beobachte ich Kinder, die zu ihrem großen Spaß Tauben nachlaufen und diese aufschrecken. Sobald sich die Tauben ein Stück entfernt wieder niederlassen, laufen die Kinder erneut auf sie zu, und so geht das in einer Tour weiter. Die Eltern stehen daneben und sagen nichts. Mich stört das sehr. Ich gehe davon aus, dass ein gejagtes Tier auch so etwas wie Angst empfindet. Zudem dürfte das ständige Auffliegen die Tauben Energie kosten. Ich sprach deshalb ein Kind an und bat es, damit aufzuhören, die Tauben seien kein Spielzeug und hätten doch Angst. Daraufhin schrie mich eine Frau an (nicht die Mutter des Kindes, die saß daneben und schaute die ganze Zeit in ihr Handy), das gehe mich nichts an, ich sei nicht die Mutter des Kindes, außerdem dürfe man als Erwachsener keine Kinder ansprechen. Hat die Frau recht?« Anonym, per Mail
Ich dachte erst, Sie wollten wissen, wie das mit den Tauben ist. Habe ich mich also eingelesen. Bisschen genervt, weil meine spontane persönliche Haltung dazu war, sollen sie doch wegfliegen, wenn die Kinder sie nerven. Meine Güte, zu irgendetwas müssen diese Flügel doch gut sein. Musste mich dann eines Besseren belehren lassen. Tatsächlich kostet es Tauben wohl viel Energie, auffliegen zu müssen. Überhaupt haben Sie recht mit allem, was Sie hier über Tauben schreiben.
Nun liegt es aber vermutlich in der Natur von Kindern, ihre Macht erproben zu wollen. Und wenn etwas so viel Spaß macht, wie durch simples Hineinlaufen einen Schwarm Tauben zum Aufflattern zu bringen, wollen Kinder das in der Regel noch mal erleben. Und noch mal. Und noch mal. Sie haben, sage ich jetzt mal, nichts falsch gemacht, indem sie eines der Kinder ansprachen. Höflich, natürlich. Sie haben es gebeten aufzuhören, schreiben Sie ja. Und erklärt haben Sie es auch. Das wird für das spätere Leben dieses Kindes kein Nachteil sein. Selbst Darwin war der Ansicht, dass Mitgefühl, Menschlichkeit gegenüber niederen Tieren (»lower animals«) ein Zeichen moralischer Entwicklung sei. Ja sogar »eine der edelsten Tugenden, mit denen der Mensch ausgestattet ist«.
Aber Sie fragen ja nach der Sie anbrüllenden Frau. Soweit ich weiß, gibt es keine grundsätzlichen Verbote, Kinder anzusprechen, die nicht die eigenen sind. Es gibt aber auch kein Verbot, darauf genervt zu reagieren. Das fällt alles in den riesengroßen Graubereich des Aufeinandertreffens einander fremder Erwachsener im öffentlichen Raum. Tut mir leid, dass diese Frau so doof zu Ihnen war. Beim nächsten Mal, das hoffentlich nie eintritt, flattern Sie innerlich auf und lassen sich dann aber auch schnell innerlich woanders nieder. Sich über blöde Leute aufzuregen, kostet ja auch Energie.

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