Gute FrageWann man Geheimnisse verraten darf

Aus Heft 16/23

Lesezeit: 2 Min.

Illustration: Serge Bloch

Unsere Leserin hat eine Information erhalten, die die Familie ihrer besten Freundin entzweien könnte. Natürlich soll sie Stillschweigen darüber bewahren – aber das fühlt sich wie Verrat an. Was tun?

Von Johanna Adorján

I

»Ich weiß aus sicherer Quelle, dass der Vater meiner besten Freundin eine Langzeitaffäre mit einer Frau hat, aus der ein Kind hervorging. Meine Freundin hat also einen Bruder, von dessen Existenz sie im schlimmsten Fall erst beim Tod ihres Vaters erfahren wird (wenn es ans umfangreiche Erbe geht). Die Quelle bat mich, diese Information nicht weiter­zutragen. Ich hätte weniger ein Problem damit, mich dieser Bitte zu widersetzen, als damit, meiner Freundin etwas mit­zuteilen, das elementaren Eingriff in ihr Leben haben und ­sicher zu Zerwürfnissen und Irritationen innerhalb ihrer ­Familie führen wird. Es ihr nicht zu sagen, fühlt sich aller­dings wie Verrat an. Was wäre Ihr Rat?« Anonym, per Mail

Lassen Sie uns für die Beantwortung Ihrer Frage davon ausgehen, dass das Ganze nicht nur ein Gerücht ist, und zunächst zu Ihrer sicheren Quelle kommen: Wer anderen ein Geheimnis verrät, das er selbst nicht hüten konnte, hat Pech gehabt. Hätte ja schweigen können. ­Insofern finde ich Ihren Gedanken, der Bitte um Stillschweigen nicht unbedingt nachzukommen, absolut richtig.

Als Nächstes würde ich zu bedenken geben, dass ein solches Geheimnis, das ja offenbar längst keines mehr ist, schnell die Runde macht. Ich finde, das spricht dafür, dass Ihre Freundin davon erfahren sollte. Was außerdem dafür spricht: dass es, wie Sie schreiben, spätestens mit dem Tod des ­Vaters sowieso herauskommen wird. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis Ihre Freundin herausfindet, dass ihr Vater sie – und womöglich auch andere Familienmitglieder – hintergangen und belogen hat. Und zwar ehrlich gesagt ziemlich profund.

Indem Sie Ihr Wissen für sich behalten, stellen Sie sich auf die Seite des Vaters. Man kann natürlich verstehen, dass Sie Ihre Freundin schonen wollen, aber glauben Sie, es wird leichter für sie, wenn sie von der Zweitfamilie erst dann erfährt, wenn ihr ­Vater tot ist und sich kein einziges klärendes Gespräch mehr mit ihm führen lässt?

Mein Rat: Versuchen Sie zunächst, mit dem Vater Ihrer Freundin Kontakt aufzunehmen. Sagen Sie ihm, was Sie wissen und dass Sie vorhaben, es Ihrer Freundin zu sagen, es aber besser fänden, er selbst würde dies tun. ­Setzen Sie ihm ein zeitliches Ultimatum (sonst wird das nichts). Wenn er der Aufforderung nicht nachkommt, reden Sie mit ihr. Sie brauchen kein schlechtes Gewissen zu ­haben: Dieser Mann hat eine Realität geschaffen, und er kann nicht die ganze Welt in Sippen­haft nehmen, sein Geheimnis zu wahren. Zeit für ihn, Verantwortung für seine ­Taten zu übernehmen und sich zu verhalten wie ein erwachsener Mann. Noch ist Zeit.

Illustration: Grafilu

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