Gute FrageWie kann man stilvoll helfen?

Aus Heft 45/19

Lesezeit: 1 Min.

Illustration: Serge Bloch

Unser Leser möchte eine Familie mit ein paar Münzen unterstützen - obwohl diese nicht danach gefragt hat. Lobenswert oder entwürdigend?

Von Johanna Adorján

B

»Bei Spaziergängen in die Stadt treffe ich öfter einen Vater mit seinem Sohn. Der Vater durchsucht jeden Abfallbe­hälter, während der Sohn wartet. Dann gehen beide zügig, als müssten sie zu einem Termin, zum nächsten Mülleimer. Ich habe dem Vater etwas Kleingeld in die Hand gedrückt, ohne Worte. Gebettelt haben die beiden nicht. Im Freundeskreis machte man mir Vorwürfe: Ich hätte ihre Schmach noch vergrößert.« Jürgen F., per Mail

Sie haben es sehr nett gemeint. Das mal vorweg. Und das ist tausendmal besser als wegzusehen. Jetzt zum Aber. Denn ich finde, es gibt ein Aber. Sie schreiben, dass die beiden nicht gebettelt haben. Jemandem, der nicht bettelt, Geld in die Hand zu drücken, hat schon etwas Entwürdigendes. Denn genau das versucht dieser Vater ja offenbar zu umgehen. Er könnte betteln, er tut es nicht. Er spricht niemanden an. Er überschreitet die unsichtbare Grenze nicht, die den Unterschied markiert zwischen einer Notsituation, in die jemand gerutscht ist, die aber nicht von Dauer sein soll, nur eine kritische Phase – und Betteln, das passiver ist und bedeutet, dass der Betreffende nicht mehr daran glaubt, es noch herumreißen zu können, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit und schon gar nicht allein.

Das Aufgeben der eigenen Handlungs­fähigkeit und das Sich-komplett-Ausliefern dem Wohlwollen Fremder ist ein großer Schritt, und der Vater, den Sie mit seinem Sohn in der Stadt sehen, scheint alles ­da­ranzusetzen, ihn nicht zu gehen. Das bedeutet nicht, dass man so tun muss, als ob man seine Notlage nicht sähe. Aber etwas Kleingeld? Punks fragen einen nach Kleingeld, nach ein paar Münzen, dem also, das so ein bisschen egal ist. Genau dies haben Sie nun einem Menschen gegeben, der absichtlich nicht ­danach ­gefragt hatte. Ein paar Münzen. Egales.

Nach meinem Empfinden wäre es feiner gewesen, Sie hätten ihm einen Schein zugesteckt. Dann könnte der Vater damit aufhören, vor den Augen seines Sohnes Mülleimer zu durchsuchen, wenigstens für den Tag. Insofern würde ich Ihrem Freundeskreis leider recht geben. Sie sagen, Sie sehen diesen Vater und seinen Sohn öfters. Vielleicht, wenn Sie können, machen Sie es beim nächsten Mal anders? Ich glaube, das wäre sinnvoller und hätte mehr Stil.

Illustration: Grafilu

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