Sie möchten keinen Gruß aus der Küche, kein Rezept oder Geschichte über Genuss und Ernährung mehr verpassen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter:
Gunther Hirschfelder ist Kulturwissenschaftler und seit 2010 Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, sein Schwerpunkt liegt auf der kulturwissenschaftlichen Ernährungs‑ und Agrarforschung:
»Sprudelwasser gehört in Deutschland ganz selbstverständlich zu unserer Kultur. Die Ursprünge liegen im 19. Jahrhundert, in Heilquellen wie Selters, Baden‑Baden oder am Apollinarisbrunnen bei Bad Neuenahr. Dieses Wasser galt als gesund. Wasser brauchte jedoch eine Grundvoraussetzung: Glasflaschen. Bier oder Branntwein ließ sich problemlos in Fässern transportieren, Mineralwasser aber nicht – die Kohlensäure würde entweichen. Steingut war zu teuer, Holz ungeeignet. Erst die Glasproduktion machte den Transport möglich. Die war aber technisch so anspruchsvoll, energieintensiv und damit teuer, dass sie beispielsweise in Italien erst im späten 19. Jahrhundert in industriellem Maßstab erfolgte.
Mit der Industrialisierung änderte sich dann der Blick auf das Wasser. Sprudel stand plötzlich für Reinheit, Zuverlässigkeit und Gesundheit – alles Dinge, die im 19. Jahrhundert hoch geschätzt waren. Im Alltag wurde er zum technischen Ideal des Sauberen, eine Form von kontrollierter Natürlichkeit. Und diese Vorstellung wirkt bis heute nach. Wenn wir heute von Sprudel sprechen, meinen wir sehr Verschiedenes: natürlich kohlensäurehaltiges Mineralwasser, stilles Quellwasser, dem CO₂ zugesetzt wurde, oder einfach Leitungswasser aus dem Wassersprudler.
Sprudelwasser ist natürlich gesünder als aromatisierte oder gezuckerte Getränke. Medizinisch nötig wäre es aber nicht – die Qualität von Leitungswasser ist hervorragend –, doch hält sich hartnäckig das Gefühl, Flaschenwasser sei sauberer. Dass wir trotzdem so viel davon trinken, hat viel mit Gewohnheit und auch mit Konsumkultur zu tun: Es ist ein Markenprodukt, das günstig bleibt und trotzdem einen kleinen Luxus verspricht. Deutschland ist im europäischen Vergleich fast ein Sonderfall: Pro Kopf werden jährlich bis zu 150 Liter Mineralwasser getrunken, der Großteil mit Kohlensäure. In Italien oder Spanien ist Sprudel deutlich weniger verbreitet.«
Sie möchten noch mehr Texte aus dem »Gruß aus der Küche« lesen? In diesem Buch ist eine ausgewählte Sammlung interessanter Fragen und Antworten rund um Küche, Kochen und Lebensmittel enthalten.

