GetränkekolumneRosé statt Revolution

Aus Heft 14/26

Lesezeit: 2 Min.

Unsere Autorin empfiehlt zwei günstige  Rosés: Jean Giner und Ventoux
Unsere Autorin empfiehlt zwei günstige  Rosés: Jean Giner und Ventoux Foto: Erli Grünzweil

Wie gut kann Wein vom Discounter sein? Unsere Autorin hatte immer ihre Zweifel. Nun hat sie ein Rosé für 4,49 Euro überzeugt – und an ihren verstorbenen Vater erinnert.

Von Helene Hegemann

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Mein Vater ging konsequent bei Aldi einkaufen, so begeistert, wie man ihn sonst eher beim Rezitieren von Hölderlin erlebte. Ich habe mir das immer durch seine Zeit in Frankfurt erklärt. Siebzigerjahre. Sozialistischer Studentenbund. In dem man, wie er sagte, geldfeindlich war. Wer auf Markenprodukte stand, war kein guter Genosse. Man hasste Geld. Obwohl man es brauchte. Bücher wurden in Orangenkisten aufbewahrt, Kleidung wurde vererbt oder auf der Straße gefunden. 1977 kamen seine Kumpels dann aber doch alle in Designerklamotten an. Das führte mein Vater nicht nur auf den Deutschen Herbst zurück, auch nicht darauf, dass 1977 einigen Historikern zufolge das Jahr war, in dem die linken Kämpfe unter der Geburt des neuen Individualismus und dem Beginn der großen Finanzialisierung begraben wurden. Nein. Er sah den Grund für die neue Markenfixierung eher darin, dass Hans Magnus Enzensberger zu einer Weisheit gekommen war, die die Studentenbewegung nicht abstreiten konnte: Geld allein macht nicht unglücklich. »Also, wenn man unglücklich ist, liegt es nicht am Geld, verstehst du?« – »Ja.« – »Und das haben alle sofort eingesehen.«

Er auch. Seine Freundin Jutta war die Tochter eines reichen Opel-Prokuristen, hatte todschicke Sachen an und sagte zu ihm: »Du musst mal was machen, du siehst aus wie ein Kindergartenkind.« Das nahm er ernst und fing an, nur noch in Levi’s 501 rumzulaufen, bis zu seinem Tod.

Weil der Markenhass nicht mehr aufrechtzuerhalten war, hat er sich bei meinem Vater im Laufe der Zeit zu einem Spleen für Billigprodukte entwickelt. Angetan hatte es ihm unter anderem eine mikrowellenfertige Currywurst. An oberster Spitze stand jedoch der Discounter-Champagner, den man meistens in der Nähe der Aktionspaletten im vorderen Filialdrittel finden kann. Mein Vater brachte den fast überallhin mit, wo er eingeladen war. Es ging ihm weniger darum, ihn zu trinken, als darum, einen Kurzvortrag über Aldi halten zu können. Meistens stieg er mit einer Vermutung ein, die ihm zuverlässig als Fakt zu verkaufen gelang: Beim »Veuve Durand« (17,99 Euro) handle es sich im Grunde um einen umetikettierten Veuve Clicquot (49,49 Euro)– was meinen Recherchen zufolge nicht stimmen kann, die werden nicht mal im selben Werk hergestellt.

Vorige Woche habe ich zum ersten Mal die Geburtsstadt meines Vaters besucht, Paderborn. Einen Ort, den er als »erzkatholisches schwarzes Loch« bezeichnete und den ich eher als internationalen Kurort wahrnahm – das hing vor allem mit der Gastfreundschaft seiner Kindheitsfreunde zusammen. Einer von ihnen, der Soziologe John Matina, hing in derselben Frankfurter Szene rum, entschied sich jedoch, zurück nach Paderborn zu ziehen, während mein Vater zum Theater ging und Aktionskunst marxistisch-philosophisch auflud, überall auf der Welt, im Urwald und in New York und in Thüringen. Trotzdem stellte sich bei meiner ersten Begegnung mit ihm eine Vertrautheit ein, die an Verwandtschaftsgefühl grenzte.

Einen fundamentalen Unterschied gab es allerdings: Der Alkohol, der bei John serviert wurde, schmeckte besser. Ich neige nicht dazu, Wein zu analysieren, an diesem Abend aber brach ich in Begeisterung über den Rosé aus. So was Gutes hätte ich ewig nicht getrunken, ob ich ein Foto vom Etikett bekommen könne, es müsse sich bei John im Gegensatz zu meinem Vater um einen Kenner handeln und so weiter. Der Wein ist von Jean Giner, aus Cinsault und Gre­nache gemacht und kommt als Pays d’Oc daher, er hat mir ein Foto geschickt. »Aber Achtung: Aldi Nord! Ich weiß nicht, ob er auch bei Aldi Süd existiert.«

Es gebe dort aktuell noch einen anderen guten Rosé: Ventoux – »kostet ebenfalls 4,49 und ist ebenfalls sehr gut«.

Autorenbild
Autorenbild Illustration: Grafilu

Helene Hegemann schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.

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