Die ersten zwanzig Jahre meines Lebens habe ich auf dem Land verbracht, die nächsten zwanzig in verschiedenen Städten, seit einigen Jahren wechsle ich ab und erhole mich immer dort, wo ich gerade bin, von den Unerträglichkeiten des Ortes, an dem ich gerade war und in wenigen Tagen wieder sein werde. Was mich stets aufs Neue fasziniert: Die beiden Orte liegen keine 200 Kilometer auseinander, und doch habe ich jedes Mal das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein, so unterschiedlich sind die Menschen und ihre Gewohnheiten.
An manches gehen Landbewohner einfach nur anders ran als Städter, zum Beispiel machen sie sich viel weniger Gedanken über ihre Identität. Dafür schauen sie irritiert, wenn man sich minimal anders verhält, als sie es gewohnt sind, und sei es nur, dass man mit einem Laptop in einem Café sitzt, um ein paar Mails zu schreiben. Und dann gibt es Dinge, die in der Stadt als vollkommen normal und auf dem Land mindestens als merkwürdig, wenn nicht verrückt empfunden werden.
Ich weiß nicht genau, wann es angefangen hat, wahrscheinlich hat es mit der Pandemie zu tun, aber seit einigen Jahren sitzen die Menschen in München nicht nur im Frühling und Sommer, sondern auch im Herbst und Winter im Freien, wenn sie sich in einem Café oder einer Bar treffen. Und ja, das hat es auch früher schon gegeben, aber an milden Herbstabenden und sonnigen Winternachmittagen und neben einem Heizpilz. Inzwischen sitzen manche auch im Dunkeln und bei Minusgraden draußen. Vor zwei Wochen entdeckte ich um halb zehn abends bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Außenbereich eines Cafés einen Mann, der in Daunenjacke an seinem Notebook arbeitete und nicht etwa Pfefferminztee, sondern Bier dazu trank. Es war bizarr, weil die Menschen mit Mützen auf dem Kopf und Händen in den Taschen an ihm vorbeihetzten, sichtlich darum bemüht, schnell nach Hause zu kommen. Wenige Tage später spielten an der gleichen Stelle vier junge Menschen in Eiseskälte Mensch ärgere Dich nicht. Sie benahmen sich, als säßen sie in einem Strandcafé, während ich nur noch an eine heiße Badewanne dachte. Längst stehen vor vielen Bars ganzjährig Tische und Stühle, die Betreiber scheinen damit zu rechnen, dass sie benutzt werden, und manchmal liegen da Wolldecken, aber nicht immer.
Erstaunlicherweise habe ich den Winter über nicht darüber nachgedacht. Aber als sich die ersten Krokusse und Schneeglöckchen zeigten, fing ich an zu überlegen, warum kein Landmensch das jemals machen würde, jedenfalls habe ich nie etwas dergleichen beobachtet. Es muss mit der Wohnsituation zu tun haben, mit der Entfremdung von der Natur und ihren Gesetzen, die in der Großstadt zwangsläufig stärker ausgeprägt ist. Dass viele Menschen in Wohnungen ohne Garten leben, befeuert die Sehnsucht danach, Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Dazu kommt aber noch etwas: Ich habe den Eindruck, dass Städter sich grundsätzlich weniger unterordnen wollen, dass sie eher den Drang haben, sich die Wirklichkeit so zurechtzubiegen, wie sie sie gern hätten. Sie sind kritischer, weniger autoritätsgläubig, wollen sich nichts bieten lassen. Wer aber das eigene Ich, das eigene Empfinden zum entscheidenden Maßstab erklärt, lässt sich auch von der Natur nichts vorschreiben.
Vor einigen Jahren ging ein Bekannter aus Berlin im Herbst ins Hochgebirge. Ein Schneesturm kam auf, er verirrte sich, kämpfte sich stundenlang durch meterhohen Schnee und rettete sich mit letzter Kraft in eine Schutzhütte. Erst später erfuhr ich, dass er nur mit Stoffturnschuhen an den Füßen aufgebrochen war.

Tobias Haberl schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
