In den Kneipen meiner Stadt gibt es seit einiger Zeit eine neue Mode: Colombard. Ein französischer Weißwein, der überall dort serviert wird, wo der Wein eher in Gläsern über den Tresen wandert, als dass er in eleganten Flaschen zum Essen kommt. Ich habe absolut nichts gegen französischen Wein in meinem Glas, Chablis mag ich immer, zu Brot mit gesalzener Butter trinke ich gern einen korallenfarbenen Rosé aus der Provence und zu Meeresfrüchten alles von der Loire, am liebsten einen Muscadet aus der Region um Nantes. Ich würde jeden dieser Weine auch ganz ohne feste Nahrung zu mir nehmen, dann aber nur ein Glas, sonst stolpere ich in einen altersunangemessenen Rausch und wache drei Tage später in Singapur auf.
Eines meiner vielen Probleme mit dem Modewein Colombard ist, dass schon ein halbes Glas reicht, um mich aus der Fassung zu drehen, er macht rasend schnell betrunken. Außerdem schmeckt er nach dem dritten Schluck, wenn er nicht mehr bis kurz vor den Gefrierpunkt runter-gekühlt ist, plötzlich parfümiert und richtiggehend artifiziell, es ist fast ein bisschen wie Chanel No. 5 zu trinken. Das größte Pro-blem aber ist, dass es in den Kneipen meiner Kreise zurzeit keinen anderen Weißwein zu geben scheint, außer Grauburgunder natürlich, aber Grauburgunder trinke ich unter gar keinen Umständen.
So hielt ich mich im vorigen Spätsommer an einem Glas Wodkaschorle fest und beobachtete die Leute um mich herum, die in eitler Heiterkeit Colombard tranken und sich dabei ganz vorne dran fühlten. Und ich fragte mich wieder mal, wie es der Colombard überhaupt auf die Schiefertafel hinter dem Tresen geschafft hatte. Zu Hause schlug ich in einem Internet-Weinlexikon nach und fand sinngemäß das hier: Die Rebsorte Colombard wird in Südfrankreich, Kalifornien und Südafrika angebaut, sie ist anfällig für Traubenfäule, Pilze und Mehltau, aus der Traube werden meistens einfache Massenweine mit hohem Alkoholgehalt hergestellt, ein klassisches Industrievorprodukt für zum Beispiel Cognac und Brandy.
Ohne jetzt experimentierfreudigen Winzern oder engagierten Weinhändlern zu nahe treten zu wollen, wüsste ich schon gern, ob es nötig ist, das Zeug in Flaschen abzufüllen und es Hamburger Gastronomen als das aufregende neue Ding zu verkaufen.
Neulich war ich in Frankreich, ich fuhr von Bordeaux nach Bergerac und von da über Le Mans weiter nach Caen ins Calvados, also quasi einmal quer durch unser Nachbarland, und ich habe mit vielen Menschen gesprochen, jüngeren und älteren, ärmeren und reicheren, Frauen und Männern. Ich habe mal nachgefragt in Sachen Colombard, aber niemand wusste, was für ein Wein das sein soll, wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, dass sich niemand trauen würde, Colombard in Frankreich als Wein zu verkaufen.
Während einer nächtlichen Autofahrt durch Caen – die hinreißend nette Fahrerin und ich unterhielten uns gerade über die deutsch-französische Freundschaft – fiel mir die elegante Architektur links und rechts der Straße auf, hohe, schlanke Mehrfamilienhäuser mit großen Fenstern und schicken Balkongeländern.
»Wow«, sagte ich, »was ist das, 1920er-Jahre?« – »Mais non«, sagte sie, »das ist aus der Zeit der Reconstruction, wir brauchten ja neue Wohnhäuser, nach dem Krieg mit den ganzen Bomben.«
Ich schluckte. Erstens, weil offensichtlich war, wer die Bomben zu verantworten hatte, zweitens, weil ich an die deutsche Nachkriegsarchitektur denken musste, drittens, weil ich heute Abend sogar in einer Banlieue ausgezeichneten Wein getrunken hatte.
Und mir wurde klar, warum Colombard bei uns Dernier Cri sein kann. Wir sind halt einfach Barbaren.

schreibt hier im Wechsel mit Helene Hegemann, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.
