Ich könne ja mal in der Isar gucken, sagt meine Freundin. Sie habe die Flaschen in ein Becken zwischen große Steine gelegt. Ein erster Blick, ich muss nicht durchzählen, ich erkenne das Problem sofort: nur noch Helles. Mit dem gleichen Blick scanne ich politische Fotos. Ständig sitzen jetzt Runden voller Entscheidungsträger zusammen. Ob im Kanzleramt oder beim Spargelessen. Fraktionsvorsitzende, Kanzleramtsminister, Landesgruppenchefs, Parlamentarische Geschäftsführer und nun auch noch die sogenannten Sherpas, die Vorverhandler der Regierung. Sechs Männer, keine Frau. Neun Männer, eine Frau. Elf Männer, keine Frau.
Das Durchzählen von Geschlechtervertretern wirkt immer wie die stumpfe Praxis irgendwelcher Einzeller, die sich so ein intellektuelles Argument erschwindeln wollen. Wie Nörgeln nach Zahlen, platt, verkürzt und unfair. Klar: Im besten Fall ist das Geschlecht egal, weil Frauen für Männer mitdenken und Männer für Frauen mitdenken. Mein Problem ist nur: Männer haben es so oft nicht gemacht, dass ich gelinde gesagt skeptisch bin. Im alten Rom galt das patria potestas, ein universales Männerrecht, das es dem Haushaltsvorstand erlaubte, alles mit seinen Anvertrauten zu tun. Frau, Kinder, Besitz, Sklaven, alles unterlag seiner Herrschaftsmacht. Diese Idee, die damals schon unrecht war, hielt sich ganz gut.
In Deutschland im Kern bis 1957. Erst dann beschloss der Bundestag das Gleichberechtigungsgesetz. Das »Letztentscheidungsrecht« des Ehemannes wurde abgeschafft, Frauen durften eigenes Vermögen besitzen und ohne ihren Ehemann zu fragen arbeiten gehen. Aber die Männer sicherten sich weiter Vorteile: Frauen durften nur arbeiten gehen, wenn sie ihre Pflichten im Haushalt nicht vernachlässigten. Daher kommt die Doppelbelastung, die fast alle Frauen spüren. Sie war eben noch Gesetz. Kurz: Männer haben oft so entschieden, wie es für sie besser war. Mehr Macht, weniger Pflichten. Und das sicher nicht, weil sie kollektiv Frauen hassen, sie waren ihnen einfach nur nicht wichtig genug, um sie mitzudenken.
Ständig sehe ich nun also die Fotos von den verschiedenen Entscheiderrunden, die in allen sozialen Kernfragen der Zukunft eine Lösung finden sollen. Es geht um Rente, Steuern, Pflege, Arbeitszeiten – alles hochrelevante Lebensbereiche für Frauen. Und trotzdem sitzen da nur Männer. Das macht mir echte Sorgen. Und zwar keine Ich-zähle-durch-und-mache-einen-Aggro-Post-Sorgen. Sondern ehrliche Sorgen, hier womöglich nicht mitgedacht zu werden. Einfach weil Männer mit Männerleben und einem 16-Stunden-Tag anders leben. Weil sie von Lobbygruppen umzingelt sind, aber nicht von Müttern. Weil sie an manchen Tagen wohl nur mit Frauen reden, die ihnen unterstellt sind.
Das ist alles legitim, aber es ist eben für die eine Hälfte der Bevölkerung nicht so gut. Und das sehen wir auf diesen Bildern. Wir sehen Männer, denen nicht auffällt, dass die Runde unausgeglichen besetzt ist. Die sich an einem Tisch ohne Frauen niederlassen und kein Unbehagen spüren. Wir sehen Männer, die sich genau so wohlfühlen. Wir sehen Männer, die keinen anderen Ton, keine andere Kultur vermissen, wenn sie unter sich bleiben. Für die das eine ganz gewöhnliche Gruppe ist. Wieso sollten sie dann in ihren Beratungen plötzlich divers denken?
Was ist also das Beste, was man als Frau angesichts so eines Fotos unterstellen kann? Das feste Vorhaben, eine Welt, die man nicht kennt, vollwertig mitzudenken, im Zweifel sogar gegen eigene Vorteile zu priorisieren. Diese Hoffnung klingt einfach nicht logisch. Und wäre historisch unbegründet.

Lara Fritzsche schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
