GetränkekolumneWann Frauen erwachsen genug sind

Aus Heft 17/26

Lesezeit: 2 Min.

Der Moscow Mule ist ein Cocktail mit Wodka und Ingwergeschmack und wird typischerweise in einer Kupfertasse on the rocks serviert.
Der Moscow Mule ist ein Cocktail mit Wodka und Ingwergeschmack und wird typischerweise in einer Kupfertasse on the rocks serviert. Foto: Erli Grünzweil

Sie jobben, sie wählen den nächsten Ministerpräsidenten und dürfen ab 16 Alkohol trinken. Aber sobald es um Übergriffe geht, werden junge Frauen wieder zu Mädchen gemacht. Das schadet ihnen doppelt.

Von Lara Fritzsche

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Neulich saß ich mit einem Teenager zusammen in einer Bar. Sie trank Fanta, aber es wurde sehr klar, nicht mehr lange, dann würde sie sich einen Sekt bestellen. Sie freute sich darauf. Als würde mit Alkohol ein neues Leben beginnen. Wir sprachen über das, was wirklich alles neu werden würde in ihrem Leben, wenn sie erst mal 15 oder 16 Jahre alt ist. Sie fasste zusammen: Dann sei sie kein Kind mehr. Ich nickte und zögerte dann.

In letzter Zeit war oft über die richtige Begrifflichkeit von Teenagern gestritten worden. Wann ist man noch Kind, wann schon junger Erwachsener? Anlässe dafür gibt es viele, mal ist es die Wehrpflicht, dann ist es ein Social-Media-Verbot, dann eine Kommunalwahl. Die Antworten sind vielfältig. Aber wann immer es um Opfer von sexualisierter Übergriffigkeit geht, sind plötzlich alle wieder Kinder. Ich wundere mich über die Beharrlichkeit, mit der darauf bestanden wird, dass 16-Jährige noch Mädchen sind. Die allermeisten 16-Jährigen führen ein kleines Frauenleben; sie schminken sich, sie haben Kontakt zu jungen Männern, sie haben mittlerweile begriffen, dass sie nicht für die Eltern lernen, sondern für das Leben, sie sind womöglich schon in Ausbildung, kommunizieren alleine mit einem Chef, mit einem Kollegium, sie jobben, sie joggen, sie führen Junge-Frauen-Gespräche, sie dürfen Bier kaufen und trinken und manche wählen den nächsten Ministerpräsidenten ihres Bundeslandes. Sie sind keine Kinder mehr.

Ich verstehe, woher diese Strenge kommt. Man braucht sie für die Gegenwehr. Ein Kind attraktiv gefunden zu haben klingt abartiger, als eine junge Frau attraktiv gefunden zu haben. Da argumentiert es sich leichter gegen Männer wie Manuel Hagel. Aber es gibt einen Nachteil: Junge Frauen werden kleiner und unmündiger gemacht, als sie sind.

Eine junge Frau aus einer Machtposition heraus zu sexualisieren ist schlimm genug, um das anzuprangern muss man kein Kind aus ihr machen. Da wird sie zweimal übergangen.

Das Festhalten am Kindesbegriff bei 16-Jährigen hat, so fürchte ich, einen unguten, unbewussten Hintergrund. Kann es sein, dass hier der Sexismus der anderen schon internalisiert wurde? Ein Opfer soll ein Kind sein, damit die Lage klar ist: Man rührt es nicht an, es ist kein zu sexualisierendes Subjekt. Ende. Als könne man bei einer Frau eben nie wissen, ob sie nicht vielleicht belästigt werden wollte, ob sie gelockt oder gereizt hat, ob Alkohol im Spiel war, welche Kleidung sie trug, ob sie manipuliert hat oder sich einen Vorteil erhoffte. Da werden junge Frauen dann wieder Kind, um sie in den Schutzbereich zu schieben – ganz so als könne man sie als weibliche Wesen in der Erwachsenenwelt nicht schützen.

Ja, zuletzt fühlte es sich manchmal so an. Epstein, Pelicot, Fernandes – das Grundvertrauen in die Unversehrtheit von Frauen erodiert. In dunklen Stunden sitzt man alleine da mit der Frage, ob es vielleicht doch gar nie anders sein kann, ob die Kräfte zu stark sind und es für Frauen nur noch um die beste Strategie gehen kann – nicht mehr um Utopie und Hoffnung. Die Minorisierung von jungen Frauen passt für mich da rein. Ein Panikreflex, ein letzter Versuch, alle unter 18 Jahren mit Formalismus in Sicherheit zu katapultieren.

Ich finde, Frauen müssen auch als die geschützt und respektiert sein, die sie mit 16 sind: ausprobierende, wilde, unsichere, klare, unklare, störrische, flirtende, lockende, kindliche, forsche, liebe, süße, freche, manchmal dumme, kluge junge Frauen.

Der Bar-Abend war eher ein Besuch in der Erwachsenenwelt. Eine Fanta, ein Moscow Mule und ab nach Hause. Aber junge Frauen wollen in den Barbereich. Es muss auch da sicher sein.

Illustration: Grafilu

Lara Fritzsche schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.

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