GetränkekolumneWarum ich mich beim Gedanken an Kombucha fühle wie ein AfD-Anhänger

Aus Heft 18/26

Lesezeit: 2 Min.

Kombucha ist ein Gärgetränk, das mittels Fermentierung aus Tee und einem Kombuchapilz hergestellt wird.
Kombucha ist ein Gärgetränk, das mittels Fermentierung aus Tee und einem Kombuchapilz hergestellt wird. Foto: Erli Grünzweil

Kombucha soll den Darm sanieren und bei Depressionen helfen. Gesichert ist das allerdings nicht – und unsere Kolumnistin steht dem Trendgetränk auch aus anderen Gründen ablehnend gegenüber.

Von Helene Hegemann

K

Kombucha heißt Kombucha, weil der zugrundeliegende Fermentationsprozess von einem Pilz bewerkstelligt wird, der Kombucha heißt. Das geht so: Man kocht Tee, kippt ihn zusammen mit diesem Pilz und ein bisschen Zucker in ein Gefäß und wartet ab, sieben bis 14 Tage lang. Der Pilz ist groß. Er sieht aus wie eine Scheibe aus sehr altem Gummi. Bisschen auch wie dieser Brillenputzschwamm von Rossmann. In einer festlandorientierten Fortsetzung der Cartoonserie Spongebob Schwammkopf könnte man ihn zur Nebenfigur ausbauen, irgendein netter Einsiedler, der gerade das Internet erfindet. Wenn man das Gefäß wieder aufmacht, hat man ein Getränk, in dem sich lebende Mikroorganismen tummeln. Dass diese Mikroorganismen gesund sind, ist wissenschaftlich weit weniger gesichert, als die Begeisterung für Kombucha impliziert.

Kombucha schmeckt nach mildem Essig mit Kohlensäure. Viele Leute trinken das, weil sie Bruchteile aus der Trenddebatte über den Darm als zweites Gehirn aufgeschnappt haben und Probiotika seitdem für lebensverändernd halten. Darmsanierungen können angeblich Depressionen heilen. Das heißt, dass man zum Abbau von Angst und Per­spektivlosigkeit nicht mehr die Welt, sondern bloß die eigene Darmflora verändern muss. Ist tröstlich, weil es eine Lösung gibt. Und disziplinierend, weil man selbst verantwortlich für die Umsetzung dieser Lösung ist. In meinem Umfeld wurde eine Zeitlang alles fermentiert, was nicht bei drei auf den Bäumen war, Weißkohl, Eigelb, wahrscheinlich auch Snickers und Muttermilch. Auf Gespräche über das Fermentieren und darüber, wie entschleunigend und gesund es sei, reagiere ich seitdem ähnlich wie ein AfD-Sympathisant auf den Begriff »Windrad«: mit einer Anspannung, die in Gewaltbereitschaft kippen könnte. Die Idee, Kombucha könne einen Körper so umbauen, dass physische, immunologische und vor allem psychische Effekte eintreten, ist wissenschaftlich nicht belegt. Es gibt offenbar Hinweise auf gewisse positive Effekte, aber nichts, das rechtfertigen könnte, Fermentieren als Therapie zu betreiben. Außerdem kann Kombucha sehr schnell schimmeln, wenn man bei der Herstellung nicht aufpasst.

Menschen sollen um Gottes willen trinken, was sie wollen. Das ist besser, als rauszugehen und die diffusen inneren Kämpfe mit Schlägereien in der realen Welt zu kompensieren. Dann lieber Schlägereien mit Hefepilzen, voll okay. Trotzdem reißen Vorgänge, in denen Selbstoptimierung auf Verdrängung der eigenen Privilegien trifft, immer ein Stück der Welt weiter auf, zu der sie im radikalen Kontrast stehen. Alles geht unter. Aber bei manchen ist noch alles in Ordnung. Ihr Kühlschrank ist groß genug, um darin Unmengen von Gläsern mit zu fermentierenden Nährsubstraten lagern zu können.

Mir hat das Fermentieren nichts getan. Es ist einfach nur ein chemischer Prozess. Doch es gibt Dinge, von denen nicht die geringste Gefahr ausgeht und die man dennoch mit einer diffusen Mischung aus Heuchelei und Bedrohung in Verbindung bringt. Sie werden zur Projektionsfläche der Angst vor etwas, das nicht greifbar ist, das mit tieferliegenden Machtstrukturen zu tun hat, die einen im Gefängnis der eigenen Abstiegsängste einsperren, aber einfach nicht konkret adressiert werden können, nie. Weil sie zu komplex, zu widersprüchlich, zu verschleiert und vielleicht sogar schon Teil von einem selbst geworden sind. So ungefähr lässt sich erklären, warum sich Menschen durch den gemeinsamen Hass auf neutrale Objekte zur Gründung einer Bürgerwehr hinreißen lassen. Man nennt das, glaube ich, Symbolverschiebung. Und in meinem Verhältnis zu Kombucha habe ich den Schlüssel zu einem etwas besseren Verständnis für diesen Prozess gefunden.

Illustration: Grafilu

Helene Hegemann schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.

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