In letzter Zeit versuche ich, möglichst viel unter Bäumen zu stehen. Unter Markisen, im Eingangsbereich von Läden, unter Schirmen von Marktständen. Neulich war mir so heiß, dass ich in einen offenen Hausflur reingehuscht bin, um kurz auszuruhen. Ich liebe Hitze, ich mag die Sonne, eigentlich. Aber diesen Sommer ist etwas gekippt.
Manchmal trete ich aus einem klimatisierten Laden heraus und kriege kurz Panik, wenn ich den Weg sehe, den ich nun ungeschützt durch die Sonne gehen muss. Nicht, weil ich Angst hätte, verschwitzt auszusehen, oder wegen der Temperatur an sich, sondern wegen dieser neuen Unausweichlichkeit.
Früher war Sonne eine Begleiterin des Tages, aber in ihrer Intensität bestimmt sie nun die Tage. Es gibt dieses neu entstandene Gefühl, dass es draußen feindlich und gefährlich ist. Die Sonne macht mir jetzt manchmal wirklich Angst. Und anderen auch. Darüber reden wir, wenn wir uns auf unserer Hitzeflucht im Schatten treffen. Oft eben unter Bäumen, so wie früher, wenn es regnete – nur dass wir uns nun vor Sonnenstrahlen unterstellen.
Viele Menschen leben bereits um die Hitze herum. Sie machen ihre Wege ausschließlich morgens oder abends, planen Stopps in Parks ein, gucken sich kühle Orte vorher aus, haben Wasser bei sich, dass sie zu Hause gekühlt und kurz vor Aufbruch in Thermoskannen umgefüllt haben. Rausgehen ist für viele inzwischen mit echtem Stress belegt, Ältere und Eltern von kleinen Kindern lassen es an manchen Tagen lieber gleich ganz sein. Das Robert-Koch-Institut rechnet der Hitze in diesem Sommer schon 12 500 Tote zu.
Schaut man an Häuserfronten hoch, sieht man überall abgehangene oder abgeklebte Fenster. Ich glaube, es ist ein neues Gefühl entstanden in Deutschland: Hitzeangst. Ich kannte das bisher nur aus Urlauben, in denen ich einen schlimmen Sonnenbrand hatte, aber trotzdem vor die Tür musste. Dieses krampfhafte Ducken und Huschen, weil jeder Strahl Sonne auf der Haut schmerzte. Oder mit nackten Füßen durch den heißen Sand, panisch nach dem nächsten Schattenfleck suchend, um dort die Fußsohle zu kühlen.
Natürlich mögen alle die Hitze im Urlaub, dieses flirrende Gefühl, dass die Luft steht, erst abends der erste Wind aufkommt, der Rosé eiskalt ist und man duselig und heiß durch die Tage taumelt. Ein paar Tage Hitze ohne Alltag sind okay, aber oft entsteht bereits im Urlaub diese Sehnsucht nach dem Wind zu Hause, dem leichten Frösteln abends, der schönen schweren Decke in der Nacht und dem Prasselregen, der alles abkühlt. Die Aussicht, dass es nie zu heiß sein wird, wo man wirklich lebt, macht den Sommer woanders so schön. Diese Hitze zu Hause zu haben macht unruhig.
Neulich kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der etwas sagte, was ich sofort verstand, obwohl es zunächst unlogisch erschien. Er gehe erst heim, wenn es zu Hause kühler sei, sagte er. Die überhitzte Wohnung ertrage er nicht. Das klang deshalb unlogisch, weil es draußen vermutlich ebenso heiß war wie in seiner Wohnung.
Früher gab es dieses Gefühl der Sicherheit: Mein Zuhause ist eine Insel. Mit Dusche, mit viel kühlem Wasser, mit verdunkelten Zimmern und mit der Aussicht auf das entlastende Lüften am Abend. Aber dieses Gefühl der Sicherheit gerät ins Wanken: Nachts kühlt es nicht mehr ab, das Wasser aus dem Hahn ist lauwarm. Die Hitze ist ein Kontrollverlust, und der ist jetzt in den eigenen vier Wänden angekommen. Diese Tatsache macht uns unruhig, aber trotzdem gibt es dafür noch kaum eine Sprache. Unter den Bäumen am frühen Abend reden wir schön routiniert über die Hitze wie früher über das Wetter. »Ganz schön heiß wars heute!« »Ja, puh«. Aber womöglich war das hier ein kühler August, und die heißen Auguste kommen erst noch.

Lara Fritzsche schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
