GetränkekolumneSo kommen wir durch die Nacht, Kameradin!

Aus Heft 34/26

Lesezeit: 2 Min.

Foto: Erli Grünzweil

An einem Sommerabend in Berlin fällt unserer Kolumnistin auf, dass sie zu alt für das Glas Wein ist – und zu schick für die verwässerte Variante. Die Lösung findet sie in einem Glas voller Rosatönen und Klimbim.

Von Simone Buchholz

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Guten Tag, bitte lassen Sie mich durch – ich komme, um den Alcopop von seinem schlechten Ruf zu befreien. Natürlich ist es prinzipiell richtig, gezuckerte Drinks in Dosen in die Schmuddelecken von Supermarktregalen oder gar Kiosken zu verbannen, aber nur weil es der aktuell beliebtesten, blechernen Darreichungsform an Stil mangelt, heißt das nicht, dass die Idee, Alkohol mit Limonade zu mischen, schlecht wäre. Zum Beispiel empfahl Zelda Fitzgerald, die ja an Glamour nun wirklich kaum zu überbieten war, gegen einen leichten Kater am Morgen eine Wodka-Limonade und dann noch ein paar Bahnen im Pool, was ich mir schon recht erfrischend vorstelle, wobei ich morgens üblicherweise nicht zum Trinken neige.

An einem warmen Sommerabend in Berlin-Charlottenburg hingegen, auf der Terrasse eines italienischen Restaurants, das fabelhaft dünne, wagenradgroße Pizza-Variationen serviert, werde ich doch schnell durstig, und zwar im Schnitt alle zwanzig Minuten. Natürlich könnte ich gegen meinen Durst auch Wasser trinken, aber ich bin mit einer Freundin hier, die seit einer Weile in Berlin lebt. Uns verbindet sehr viel aus den vergangenen Jahren, wir haben gemeinsam viel Zeit auf Bühnen verbracht und davor und danach und rundherum. Wir sind quasi Veteraninnen des Showgeschäfts und hin und wieder auch der gebrochenen Herzen. Kurz: Wir haben alles gesehen und sehen uns viel zu selten. Da ist Mineral­wasser einfach nicht angebracht. Aber Wein ist uns zu stark, wir sind schließlich Damen mittleren Alters. Wenn wir dreimal die Stunde ein frisches, kühles Glas Wein bestellen, fangen wir noch während der ersten Stunde an, schmutzige Witze zu reißen und zu laut zu lachen. Weinschorlen wiederum sind viel zu unglamourös, das passt weder zu unserem innerlich festlichen Abend noch zum Look meiner Freundin, die zu einer Palazzohose ein sehr raffiniertes Oberteil trägt, eine Bomberjacke aus weißer Spitze mit zart­goldenen Bündchen, sie hat das Teil in einem Secondhand-Shop in Antwerpen gekauft. Da kann ich ihr nun wirklich keinen verdünnten Wein hinstellen.

Ich bin nicht ganz so glamourös gekleidet, trage jedoch goldene Sandalen, und während ich meiner Freundin von der einzigen Cinderella-Begebenheit erzähle, die mir jemals widerfahren ist und die mit einer verloren gegangenen goldenen Pantolette auf der 5th Avenue zu tun hat, steht ein Kellner an unserem Tisch und fragt, was wir trinken möchten. Da bin ich mit meiner Aufmerksamkeit gerade noch zwischen Cinderella und der Frage, welche der wundervollen, angesichts der Lage plötzlich auch wahnsinnig glamourösen Pizzen ich mir reindonnern soll, also entscheidet meine Freundin eigenmächtig und konsequent: »Zwei Sarti Spritz, bitte. Mit viel Eis.« Ihr liebreizendes, ursprünglich mädchenhaftes Lächeln kippt ins Verschwörerische, sie zwinkert mir zu, so kommen wir durch die Nacht, Kameradin.

Und das tun wir. Sarti Spritz, dieser Alcopop aus bittersüßem, pinkem Likör, Prosecco und Soda, mit einem Limettenschnitz garniert in einem bau­chigen Glas voller Eis, ist der beste Begleiter, den sich zwei noch nicht richtig in die Jahre gekommene, aber doch spät­sommerliche und immer noch rechtschaffen durstige Freundinnen vorstellen können – trinkt sich leicht, macht kurz schön klimbim im Kopf, verzieht sich aber auch schnell genug wieder, dass man dem Kellner ein wei­teres Mal winken und nachbestellen kann, während die monströs große Pizzafläche auf dem Tisch einfach nicht kleiner werden will. Irgendwann gehe ich zu Fuß zum Hotel, müde und mit zu viel Weizenmehl im Bauch, meiner Freundin im Herzen und unzähligen, glitzernden Glöckchen im Haar, klimbim, klimbim, klimbim.

Illustration: Grafilu

Simone Buchholz schreibt hier im Wechsel mit Lara Fritzsche, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.

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