Denk ich an Offenbach in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, weil ich mir sofort wieder Sorgen um Haftbefehl mache. Nicht um Aykut Anhan persönlich, sondern um das, wofür Haftbefehl steht – die ganzen kleinen Haftis, die adoleszenten Jungs zwischen zwölf und Keiner-weiß-wann-es-aufhört-Jahren, die Kings of Bling, die Boys mit den flaumigen Schnurris, die kleinen Chabos, die so unbedingt »die Straße« erleben wollen, weil es halt auch sonst nichts gibt, außer vielleicht noch ein paar Parkhäuser mit Aussicht.
Ich bin in einem Dorf in der Nähe einer Kleinstadt am Main aufgewachsen. Wenn wir es mal ein bisschen härter wollten, sind wir schon irgendwie nach Frankfurt gekommen, meistens im Auto von irgendjemandem, den wir kannten, und wenn dieser Jemand dann über den Kaiserlei-Kreisel nach Frankfurt reinfuhr, konnten wir im Osten Offenbach sehen, die Hochhäuser vom Mainpark-Viertel mit der Hermann-Steinhäuser-Straße, in der die Kids seit dem vorigen Herbst jetzt Reinhard Mey hören, vor allem In meinem Garten. Offenbach galt es für uns Kleinstadtganoven weiträumig zu umfahren, damit kam man besser nicht in Berührung. Angeblich noch viel härter als Frankfurt, einfach nur kalt und brutal, und die verbitterten Fassaden der Hochhäuser sahen aus der Ferne und unter der typischen Frankfurter Smog-Glocke der späten Achtzigerjahre auch sehr danach aus. Aber was wussten wir schon, wir waren ja niemals da, und wir waren jung und dumm.
Als Frau in den mittleren Jahren und Mutter eines fast erwachsenen Sohnes, der sich eine Zeit lang auch viel auf den Straßen und in den härteren Ecken herumgetrieben hat, weiß ich inzwischen natürlich, dass sich die emotionale Situation in Offenbach vollkommen anders darstellt. An dem Ghetto am Mainufer etwa ist nicht alles kalt und brutal, die Hochhäuser sind voller brennender Herzen, die es nicht abwarten können, endlich ein Leben zu haben, das ihnen aber erstens niemand zutraut und ihnen zweitens auch erschwert wird, weshalb sie eventuell anfangen, Scheiße zu bauen, am besten noch bevor sie 14 sind, wegen der Strafunmündigkeit. Und dann die kaputten Väter und die traurigen Mütter oder andersherum oder einfach niemand – Haftbefehl erzählt all diese Geschichten in einer großartig unzuverlässigen Sprache, deshalb lieben sie ihn dort auch noch mehr als anderswo, an jenem zutiefst romantischen Ort, denn der Kern der Romantik ist Sehnsucht.
Neulich stolperte ich in der idyllischen Kleinstadt meiner Jugend am Main in eine überraschende Kellerbar, improvisierter Pop-up-Look mit bunten Lichterketten und Sofas unter schrägen Stehlampen, hinterm Tresen standen sehr coole Menschen. Ich scannte die Schnapskarte. »Bitte einen Offenbacher.« – »Sicher?« Ich nickte. Die junge Barfrau goss mit ungerührter Miene Pfefferminzlikör und Wodka zusammen und schob mir das kleine Glas hin, es war randvoll. Dann sah sie mich herausfordernd an. Ich kippte den Offenbacher mit ebenso ungerührter Miene runter. Keine Ahnung, was zwischen uns beiden plötzlich für ein Italo-Western lief, in meinem Kopf spielte Musik von Ennio Morricone. Zwei mögliche Antworten: 1) Wie kann die alte Frau so was ernsthaft trinken? 2) Das ist doch nichts für sie, das trinkt man, wenn man jung ist, denn der Offenbacher wurde für Momente der Liebe und Romantik auf Hochhausdächern im Sonnenuntergang erfunden, zum Beispiel für einen stürmischen Kuss direkt nach einem Döner Kebab mit allem.
Ich nehme Antwort Nummer zwei.

Simone Buchholz schreibt hier im Wechsel mit Lara Fritzsche, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
