Sicher bekommen Sie auch jede Menge Mails, die Sie gar nicht haben möchten, aber glauben Sie mir, als Journalist bekommt man mehr. Heute morgen hatte ich 78 neue, sieben davon waren relevant, der Rest: Pressemitteilungen, Film- und Albumankündigungen, Morning Briefings, Previews, Vorabstreams, Daily Updates, Friendly Reminders. Eine informierte mich über »die außergewöhnliche Leistung« des Südtiroler Sommeliers Mirko Rainer, der innerhalb einer Minute 96 Sektflaschen mit einem Säbel entkorkt und damit seinen eigenen Weltrekord verbessert hatte. Es ist eine Weile her, dass meine Arbeitstage mit dem ersten Satz eines Textes begonnen haben, stattdessen klicke ich mich jeden Morgen durch eine reißende Mailflut, lese an, überfliege, lösche und frage mich, wohin das alles führen soll. Dazu kommt, dass ich den Jargon von Werbemails kaum noch nachvollziehen kann, viele Formulierungen wirken hysterisch, jedes dritte Wort stammt aus dem Englischen, permanent wird eine Dringlichkeit suggeriert, die sich mir nicht erschließt. Zurück bleibt die Frage: Ist die Welt verkehrt oder bin ich es selbst?
Vor einigen Tagen bekam ich eine Mail, die den »ersten Ready-to-Drink Matcha Latte für den urbanen Lifestyle« ankündigte, eine Kooperation des »Pflanzenmilch-Pioniers Mølk« mit den »Matcha-Expert:innen von Health Bar«. Selbstverständlich schaute ich genauer hin, als Getränkekolumnist hat man eine Verantwortung, aber sofort stellte sich wieder das oben beschriebene Gefühl der Entfremdung ein. Es geht ja schon damit los, dass ich nicht mal genau sagen kann, was Matcha eigentlich ist, obwohl man ständig davon hört und liest. Also ich weiß schon, dass es was mit Grüntee zu tun hat, aber wenn Günther Jauch mich für 32 000 Euro nach einer präzisen Definition fragen würde, müsste ich passen. Noch irritierender fand ich den »urbanen Lifestyle«. Ich habe die letzten dreißig Jahre meines Lebens in verschiedenen Großstädten verbracht, aber »urbaner Lifestyle« – was soll das sein? Meiner Erfahrung nach sehen die Menschen je nach Milieu, Alter und Stadtteil unterschiedlich aus. Und was ist mit Leuten aus der Kleinstadt oder vom Dorf? Sollten sie den Ready-to-Drink Matcha Latte am besten gar nicht probieren, weil er ihnen sowieso nicht schmecken würde? Oder weil sie ihn womöglich nicht verstehen könnten? Auf Erläuterungen hoffend las ich weiter, aber meine Verwirrung nahm noch zu, als ich darüber informiert wurde, dass der Matcha Latte »ein Statement für Fokus, Balance und bewusste Energie« sei, so altmodisch, so hoffnungslos unzeitgemäß kam ich mir vor, weil ich immer noch davon ausging, dass hier von einem Getränk und nicht von einer tantrischen Massagetechnik die Rede war.
Ich gebe zu, dass ich den Text nur zu Ende las, um mich zu amüsieren und ein wenig aufzuregen, beides geht ja oft wunderbar zusammen, den Rest gab mir schließlich der Schluss: Der RTD Matcha Latte (immerhin kapierte ich, dass RTD für Ready-to-Drink steht) sei nicht einfach ein neues Produkt im Kühlregal, sondern »Ausdruck eines Lebensgefühls, das Energie und Ruhe in Einklang bringt«, nicht zuletzt stehe er »für einen Lifestyle zwischen Bewusstsein, Ästhetik und Alltagstauglichkeit«. Es war der Moment, in dem ich beschloss, den Ready-to-Drink Matcha Latte auf keinen Fall zu probieren, um ehrlich zu sein, schwor ich einen heiligen Eid, mich diesem offenbar gespenstisch genialen Getränk bis zu meinem Tod zu verweigern. Es tut mir leid für Sie, dass ich Ihnen diesmal keinen Drink empfehlen kann, aber vielleicht verstehen Sie mich ein bisschen, das würde mich freuen.

Tobias Haberl schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
