GetränkekolumneIm Namen des Vaters, des Sohnes und des Energy-Drinks

Aus Heft 36/26

Lesezeit: 2 Min.

Foto: Erli Grünzweil

Jesus aus der Dose? In den USA sorgen christliche Energy-Drinks für Empörung. Unser Autor fragt sich, warum sich die Menschen ausgerechnet darüber aufregen – in einer Welt, in der längst alles zur Ware geworden ist.

Von Tobias Haberl

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Erst hatte ich es gar nicht mitbekommen, weil ich ewig nicht in den USA war und mit zunehmendem Alter lieber Tierfilme schaue, als Nachrichtenmagazine zu lesen, aber ein Freund machte mich auf einen Artikel im Spiegel aufmerksam, »lies das mal, wird dich interessieren«, und auch weil ich katholisch bin, folgte ich seinem Rat und war so verblüfft, dass ich davon erzählen möchte.

In den USA gibt es einen neuen Trend: christliche Energy-Drinks. Die Geschmacksrichtungen klingen wie heulsusenhafte Indie-Bands aus den Neunzigern: »Preachin’ Peach« oder »Berry Blessed«. Die Marken heißen Praise, Agape oder Yahweh (für Atheisten: ist der Eigenname Gottes im Alten Testament und bedeutet »Ich bin da«). Yahweh wirbt auf Social Media mit dem Spruch »Share a drink. Share the Gospel«, was so viel bedeutet wie »Trinkt etwas zusammen. Verbreitet das Evangelium«. Auf der Dose abgebildet ist – wer sonst? – Jesus Christus persönlich, teuflisch gut aussehend und, damit bloß niemand auf die Idee kommt, es handle sich um David Garrett: mit Dornenkrone. Dazu der Slogan »Take him Anywhere« – »Nimm ihn überallhin mit«. Das erklärte Ziel der Firmen: Aufsehen er­regen, um die christliche Botschaft zu verbreiten. »Gott hat es uns ans Herz gelegt, das Evangelium gezielt mithilfe eines Energy-Drinks zu verkünden«, sagt die Yahweh-Mitgründerin Corinne Kurin.

Nun ist im sogenannten Netz eine hitzige Diskussion entstanden, wie es zu bewerten sei, wenn ein gewinnorientiertes Unternehmen mit Jesus wirbt, um Millionen zu verdienen, die, zumindest ist davon nichts bekannt, weder an Hilfsbedürftige noch an Kirchen gespendet werden. Die einen finden es okay, vor allem die Macher. Andere laufen Sturm: Der Sohn Gottes dürfe nicht als Marketinginstrument missbraucht werden. Die Reaktionen reichen von »Unfassbar peinlich. Was soll daran christlich sein?« bis zu »Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun«.

Was mich erstaunt, ist die Ernsthaftigkeit der Debatte. Die hohen moralischen Maß­stäbe. Der tiefe Ernst, wo wir doch längst alles verraten und verkauft haben, was einst heilig war. Jesus auf einer Dose? So what?! Ich gehe, wenn ich für etwas Geld ausgebe, schon lange nicht mehr davon aus, dass ich kriege, was draufsteht; ehrlich gesagt fände ich es sogar ausgesprochen weltfremd zu denken, dass am anderen Ende ein lauterer Mensch sitzt, der es gut mit mir meint. Ist keine Verschwörungstheorie, ist Lebenserfahrung. Fair­trade? Möglich! Bio? Kann sein, muss aber nicht! Vorsprung durch Technik? Na ja. Es ist tatsächlich so, dass ich, wenn ich etwas lese, zum Beispiel einen Spiegel-Artikel, oder mir anschaue, zum Beispiel ein Youtube-Video, gar nicht mehr anders kann, als das Gefühl zu haben, dass mir gewisse Informationen auf­gedrängt und andere vehement verschwiegen werden, dass ich also unentwegt und auf sämt­lichen Kanälen von links, rechts, oben und unten dazu gebracht werden soll, gewisse Dinge zu denken und andere nicht.

Heute wird man dermaßen zugeballert mit Zeug, um das man nicht gebeten hat – warum hatte ich heute Morgen 78 neue Spam-Mails? –, dass ich es nicht mehr hinkriege, das alles auf-, geschweige denn ernst zu nehmen. Und deswegen sind mir auch Dosen mit Jesus drauf egal. Bleibt alles folgenlos. Werden wir uns dran gewöhnen. Könnte auch Harry Potter sein. Oder Bärbel Bas. Würde mich nicht wundern. Mich wundert überhaupt nichts mehr.

Vielleicht schaue ich des­wegen so gern Tierfilme. Weil Tiere einen nicht anlügen. Mein aktueller Favorit: Kleine Meise ganz groß. Gibt’s in der ARD-Mediathek.

Illustration: Grafilu

Tobias Haberl schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.

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