Ich drehe zurzeit einen Film. Filmdrehs sind strapaziös: Man läuft gern mal Gefahr zu verdrängen, dass man ein Leben außerhalb des Sets hat und es noch andere Verpflichtungen gibt als grenzneurotisch hinter der Kamera auf und ab zu laufen. Am letzten Wochenende stehe ich mit meinem Team auf einem Parkplatz in Neumünster, zwischen tiefergelegten Luxusautos, Männergruppen und Schattenboxen. Wir sind kurz davor, auf einem MMA-Event zu drehen. Jungs zwischen 16 und 35 schlagen sich auf solchen Veranstaltungen konsensuell in einem Käfig die Gesichter ein, die Stimmung ist entsprechend angespannt, und kurz vor unserer ersten Klappe wird mir klar, dass ich die Deadline für Cherry Coke Zero verpasst habe.
Reflexhaft frage ich die Person neben mir, wie sie zu Cherry Coke Zero steht. Diese Person möchte anonym bleiben, war allerdings in den Neunzigerjahren Teenager in Berlin-Kreuzberg und hat deshalb eine starke Meinung zu dem Thema. Die Person hat Cherry Coke geliebt. Warum? Weil sie in den Neunzigern als antiimperialistische Alternative zur normalen Coca-Cola galt. »Die stand für die Gegenbewegung. Irgendwie gay, irgendwie anders. Irgendwie fruchtig. Die fruchtige Jugend, die sich geweigert hat, mit dem Kapitalismus Gleichschritt zu halten. Voll der Bullshit. Typischer Fall von: Die Antifa-Kids dichten sich in Zeiten wachsender Prosperität irgendeinen Scheiß zusammen. Aber ich war süchtig danach. Während andere zum Fußball gingen, gingen wir in politische Vereine und haben irgendwie die Revolution angestrebt. Cherry Coke war eindeutig Teil dessen. Für mich war Cherry Coke ein Symbol. Und dann war sie irgendwie nicht mehr zu kriegen.« Ich frage: »Und das war schlimm für dich?« – »Ja.« Wirklich lange Pause. »Ja. Es war schlimm. Und als ich sie Jahre später wieder irgendwo fand, dachte ich: Wow, meine Cherry Coke ist zurück. Und dann habe ich sie probiert und dachte: Schmeckt voll scheiße.« – »Liegt das daran, dass sie schon immer scheiße geschmeckt hat, oder haben sie die Rezeptur verändert?« Kann mir die Person nicht beantworten, ich ihr auch nicht.
Cherry Coke war die erste Cola, die das Unternehmen als Abweichung vom Original zuließ, und sie wurde natürlich später auch noch in der Zero-Variante eingeführt. In Deutschland wurde ab 2018 fast nur diese Version angeboten, aber die Forderung der Fans nach der Zuckervariante wurde so vehement, dass sie 2020 wieder auf den Markt kam.
Cherry Coke Zero ist aus verschiedenen Gründen interessant. Zum einen war ich als Teenager nach Zero-Produkten süchtig und habe irgendwann identifiziert, dass das mit dem Süßstoff zusammenhängen muss – angeblich wird eine ähnliche Substanz Kühen ins Fressen gemixt, damit sie fetter werden. Das hat mir jedenfalls irgendwer erzählt. Außerdem hat Jude Law mal den jüngsten Papst der Geschichte gespielt, in einer HBO-Serie von Pablo Sorrentino – die Serie ging unter, obwohl sie hellsichtig und extrem charmant war. Es gibt eine Szene, in der etabliert wird, dass dieser Mensch nicht nur eigensinnig ist, sondern sich jeder Kompromisslogik verweigert und selbst aus Detailfragen Glaubenskriege macht. Er lehnt das Essen ab, das ihm zubereitet wird, und besteht immer und ausschließlich auf Cherry Coke Zero. Selbst wenn ihm stattdessen eine normale Diet Coke angeboten wird, antwortet er irgendwas in Richtung von: »Keine Gotteslästerung, bitte.«
Viele Zuschauer fragten sich nach der Bedeutung und der dramaturgischen Funktion dieses Getränks. Aber auf die Frage des Magazins New Yorker an den Regisseur, ob es bei Cherry Coke Zero um Amerikakritik gehe, antwortete der einfach nur: »I don’t think so, but I thought it would be fun to put it in.«

Helene Hegemann schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.
