Mein Urgroßvater stürzte Anfang des 20. Jahrhunderts in ein Zementsilo und erstickte darin, und ich frage mich immer wieder, ob die Faszination für Maschinen, der alle Frauen meiner Familie erlegen sind, eine schräge Trotzreaktion auf dieses Ereignis ist. Meine Großmutter liebte die gefährlichen Maschinen des Gartens, meine Mutter liebt digitale Büro- und Haushaltsmaschinen, ich selbst reagiere mit heftigen Gefühlsausbrüchen auf die Industrieromantik des Ruhrgebiets und besitze unzählige Kaffeemaschinen. Denn ungeachtet dessen, dass ich hier häufig über Alkohol schreibe, ist das für mich absolut wichtigste Getränk ein guter Kaffee.
Ohne zwei doppelte Espressi mit Milch und Zucker kann ich den Tag nicht beginnen, ich wäre schon längst nicht mehr da, sondern einfach im Schlaf verwelkt. Meine Maschinensammlung: eine italienische Caffetiera für sechs Tassen und eine für drei, eine spanische Siebträgermaschine, ein deutscher Vollautomat sowie eine Schweizer Kapselmaschine (mit kompostierbaren Kapseln!) für den Fall, dass ich den Kaffee wirklich innerhalb der nächsten dreißig Sekunden brauche. Der Maschinenrohstoff findet sich in meiner sechs Quadratmeter großen Küche also überall, in Form von Bohnen, von Pulver und in kleine Zylinder gepresst. Man kann sich vor lauter Kaffee und Maschinen quasi nicht umdrehen.
Was sich bei mir allerdings niemals finden wird, ist löslicher Kaffee. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich morgens drei Teelöffel gefriergetrockneten Kaffeeextrakt und zwei Löffel Zucker in meine Dolly-Parton-Cup-of-Ambition-Tasse rieseln lasse, dann heißes Wasser und Milch draufgieße, um mir erst mal sauber den Mund zu verbrennen und danach zu denken: »Ah, endlich.« Aber jetzt, wo in Norddeutschland die Campingsaison begonnen hat, alle wie bekloppt in Bulli-Blechlawinen an die Nord- und Ostsee rollen und ich sie dann besuchen soll – gnade mir Gott.
»Hier, der ist neu, Bio-Marke von Soundso.«
»Warte, gleich fertig, Fairtrade Extra von Soundso.«
»Probier mal die Grand-Cru-Edition von Soundso.«
Ich muss dann immer an Jules Winnfield aus dem Film Pulp Fiction denken, wie er in seinem schwarzen Anzug, weißem Hemd und Minipli-Afro, alles blutbesudelt und voller Kopfmaterial des bedauernswerten Marvin in der Küche von Jimmie Dimmick steht, der etwas unter Druck steht, weil seine Frau Bonnie gleich von der Nachtschicht zurückkehren wird, während in ihrer Garage ein Auto mit einem toten … kurz: Sie befinden sich in einer Bonnie-Situation. Und Jules Winnfield, der Jimmie die ganze Scheiße eingebrockt hat, versucht, gut Wetter zu machen, indem er Jimmies halb verzweifelten, halb löslichen Kaffee in den Himmel lobt: »Mm. Goddamn, Jimmie. This is some serious gourmet shit. Me and Vincent would have been satisfied with some freeze-dried Taster’s Choice, right?«
Jimmie schreit ihn an, dass er aufhören und sich lieber um die Apokalypse in der Garage kümmern soll. Woraufhin Jules Marsellus Wallace anruft, der dann Winston Wolfe anruft, der dann eine Art Mutter verkörpert und den Gangstern einfach nur erklärt, wie man aufräumt.
Ich frage mich jedes Mal, wer ich in dieser Pulp Fiction-Szene wäre, Jules oder Jimmie oder Mr. Wolfe oder einfach nur Vincent, Entschuldigung: Das ist es, was die Vorstellung von löslichem Kaffee mit mir macht. Und ich bitte alle Hersteller dieses hochverarbeiteten Nahrungsmittels, damit aufzuhören, es herzustellen. Man kann Kaffeepulver auch über Feuer in Wasser aufkochen und dann durch einen Filter jagen. Vielleicht denke ich mir in diesem Sommer eine Campingmaschine aus, die das kann.

Simone Buchholz schreibt hier im Wechsel mit Lara Fritzsche, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
