GetränkekolumneTrendgetränk der Tradwives

Aus Heft 10/26

Lesezeit: 2 Min.

Die alte Heilpflanze Ashwagandha wird als Latte zubereitet und soll die Stressresistenz verbessern.
Die alte Heilpflanze Ashwagandha wird als Latte zubereitet und soll die Stressresistenz verbessern. Bild: Erli Grünzweil

Sie verehren ihre Männer und propagieren ein reaktionäres Familienbild: so genannte Tradwives auf Instagram. Gegen den Stress trinken sie Ashwaganda-Latte. Was das Getränk über unsere Zeit aussagt.

Von Helene Hegemann

A

Ashwagandha kommt aus Indien, ist 3000 Jahre alt, sieht, glaube ich, ein bisschen wie Zitronenmelisse aus und knallt seit einiger Zeit als Mittel zur Verbesserung der Stressresistenz durch die Decke, ich habe davon zum ersten Mal vor zwei Wochen gehört, und zwar bei einer Recherche über »Tradwives«. Das sind Hausfrauen, die Geschlechterverhältnisse der Fünfzigerjahre reenacten. Gleichberechtigung und Karrierepriorität werden von ihnen als »toxischer Feminismus« etikettiert, als die größte Gefahr für ihr Land und ihre Kinder. Sie kochen, putzen, dekorieren, erziehen und filmen sich dabei, manchmal fuchteln ihre Männer im Hintergrund mit einer Axt rum oder tragen Baumstämme von links nach rechts. Sie misstrauen dem Rest der Welt, Konzernen und der Politik, sie stellen Mozzarella selbst her, im besten Fall haben sie zu diesem Zweck eine Kuh im Vorgarten stehen.

Mit sehr viel Wohlwollen kann man in ihr reaktionäres Rollback auch etwas Systemkritik hineininterpretieren – während Feministinnen gegen das System und für die Entlohnung von Care-Arbeit kämpfen, haben Tradwives die Vorstellung von Gesellschaft aufgegeben, innerhalb derer man sich überhaupt auf ein gemeinsames, zu änderndes System einigen könnte. Sie ziehen sich in die Abgrenzung zurück und strukturieren ihre Existenz jenseits des Wettbewerbs, indem sie irgendwas zwischen christlicher Moral, Instagram-Softporno und Selbstoptimierung performen. Sie unterwerfen sich. Ihren Männern, einem reaktionären Familienbild und der eigenen Biologie. Versuchen mit dieser Unterwerfung aber gleichzeitig, ihre Autonomie zurückzugewinnen. Klingt widersprüchlich, ist es vielleicht gar nicht. Wenn sie Glück haben, könnten sie online nämlich extrem viel Kohle damit machen.

Zum Beispiel, und da kommen wir zu Ashgawandha zurück, indem sie uralte ayurvedische Heilpflanzen aufbrühen, dabei durchsichtige Grace-Kelly-Nachthemden tragen und ein devotes Säuseln unter die Aufnahme legen. Da fallen zwei Dinge zusammen, deren Fusion gerade die westliche Welt in die Scheiße reitet – neoliberale Selbstverantwortung und falsch abgebogener Hass auf die Logik des Marktes. Ashgawandha-Latte bringt diesen Widerspruch gut auf den Punkt, es ist eines der Getränke, das Tradwives zwecks Selbstfürsorge zubereiten und als »Adoptogen« verkaufen. Adoptogene sind Substanzen, die aus Pflanzen und Pilzen gewonnen werden und den Cortisolspiegel senken sollen. Etwas zwischen Antidepressiva und Räucherstäbchen, ein bisschen wie Baldrian, nur exotischer.

Worum es da geht? Um die Besinnung auf jahrtausendealte Rituale. Gegen den Beschleunigungsmodus und die Ressourcenverschwendung im Spätkapitalismus, obwohl keine einzige Tradwife ein einziges dieser drei Worte je in den Mund nähme. Es geht um Unabhängigkeit. Und natürlich um Leistungssteigerung. Wir alle versuchen, im Chaos der Welt damit zurechtzukommen, dass wir im Zeitalter unserer eigenen Überflüssigkeit leben und Sinnstiftung individuell produzieren müssen. Manche werden Tradwives, manche Nazis, andere sind mit Muskelaufbau oder Marx-Lektüre beschäftigt oder mit Vermögenszuwachs. Wozu ich jedem rate: Ashgawandha nicht als Mittel zum Zweck zu betrachten, nicht als etwas, das einen damit leben lässt, zwecks Effizienzsteigerung um 5.30 Uhr aufgestanden zu sein. Sondern als das Gegenteil: als minimale Hilfe im Umgang mit diesem Chaos, als Hilfe dabei, sich aus Angst vor dem Fallen nicht versehentlich für einen zu radikalen Existenzentwurf zu entscheiden. Das Chaos besiegt man nur, indem man sich freudig und hoffnungsvoll darauf einlässt, und ich glaube, aus diesem Grund haben die Götter diese Pflanze gelauncht, oder created, oder developed, oder whatever.

schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.

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