Von 2011 und 2013 hatte ich drei Alkoholvergiftungen, alle nach Veranstaltungen, die mit bildender Kunst zu tun hatten, eine davon auf der Biennale in Venedig. Ich hing mit Malereistudenten rum, wir betrieben eine Art Wettstreit darüber, wer sich auf die exklusivsten Partys schmuggelte, ein paar von ihnen schafften es so gar auf die Jacht von Roman Abramowitsch. Die Jacht hieß Luna. Heißt sie wahrscheinlich immer noch. Ist inzwischen aber wegen der Russland-Sanktionen beschlagnahmt worden und gammelt im Hamburger Hafen vor sich hin. Sie sieht aus, als hätte man ein paar gestapelte Lego-Schlauchboote ins Maßlose aufgeblasen, ein Symbol entgrenzter Kapitalmacht, das in jenem Sommer unwiderruflich das Stadtbild Venedigs sprengte. Das Ding war so obszön, dass man es nur ablehnen konnte. Trotzdem ging es den Studis nicht darum, auf dieser Jacht irgendwas anzufechten. Es ging uns allen nur ums Saufen. Die, die draußen bleiben mussten, gingen in eine Touristenbar an der Uferpromenade. Wir bestellten Negronis, massenhaft. 13 Jahre später wird mir immer noch schlecht, wenn ich den Namen dieses Drinks höre oder ihn auch nur aufschreibe.
Und diese Übelkeit verschwimmt mit einem Gemälde oder mit der Erinnerung an ein Gemälde, das mir an diesem Abend als abfotografierte Postkarte auf einem Smartphone gezeigt wurde, ich weiß nicht mehr, von wem. Es heißt Die Verzweifelte und wird gelegentlich Botticelli zugeordnet, aber ob es von ihm stammt oder von jemand anderem, lässt sich nicht eindeutig klären. Es sieht überhaupt nicht nach Botticelli aus, eher wie der Print auf einer Tarot-Karte, nur hart und traurig, eine Frau sitzt in einem weißen Tuch vor einer Steinmauer, vermutlich in Florenz, und hat ihr Gesicht in den Händen vergraben. Und dann sieht man eine Tür in der Mauer. Und über der Mauer sieht man blauen Himmel, ein bisschen Freiheit. Man man will unbedingt wissen, was hinter dieser Tür ist, oder sie einfach öffnen. Und dann guckt man noch mal hin und sieht, dass es keine Klinke gibt, keinen Griff, nichts. Es gibt eine Tür zur Freiheit, aber keine Möglichkeit, sie zu öffnen. Und sollte irgendein Bild die Verzweiflung über diesen Zustand besser auf den Punkt bringen als dieses, weiß ich nichts davon. Es ist von 1495.
Der Negroni wurde 1919 erfunden, auch in Florenz. Aus journalistischer Verzweiflung habe ich meine Mitbewohnerin, eine Kunsthistorikerin, gefragt, was ihr dazu einfällt, sie hat »Nichts« geantwortet und nach zwei Minuten Schweigen mit überraschender Vehemenz hinzugefügt, dass der Negroni der Drink der Angeber sei, dass Negronis nur von Leuten bestellt würden, die das Gefühl hätten, nicht das erreicht zu haben, was ihnen zustünde, im Sinne von: Das Leben schulde ihnen mehr, als sie dem Leben schuldeten, und deshalb passe das Bild ja ziemlich gut.
Die Entstehungsgeschichte gibt ihr Recht. Der Negroni wurde nach einem Grafen benannt, der in Florenz aufgewachsen und für ein paar Jahre nach Amerika gegangen war – ein abenteuerlustiger Aristokrat, als Cowboy und Gambler unterwegs gewesen, laut einer Version hat er sogar als Fechtlehrer in New York gearbeitet. Ein Typ mit großem Selbstentwurf. Das ist der Kernmythos: Dass dieser Graf, Camillo Negroni, nach Florenz zurückkehrte und in seiner Stammbar das Soda im Americano durch Gin ersetzen ließ, vielleicht ist auch der Barkeeper auf die Idee gekommen und nicht er selbst, 30 Milliliter Wermut, 30 Milliliter Campari, 30 Milliliter Gin. Er brauchte was »Stärkeres« – so wie jeder, der niedergeschlagen in seine Heimat zurückkehrt und realisiert, dass er es trotz größter Anstrengung und wildester Abenteuer nicht mal zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag bringen wird, sondern nur zur Fußnote der PR-Aktionen der Campari Group.

Helene Hegemann schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Tobias Haberl über Getränke, die es verdient haben.
