Bevor ich einen Führerschein besaß, hatte mein Leben in Bussen stattgefunden. Wenn ich irgendwohin wollte, und ich wollte permanent irgendwohin oder einfach weg aus dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, musste ich erst mal den Bus in die nächste Stadt nehmen. Ich bin auch mit dem Bus zur Schule und zurück gefahren, jeweils eine Dreiviertelstunde. Meine ersten Ferien ohne Eltern waren Busreisen, wir stapelten uns wie Büchsensardinen, und so gestapelt fuhr uns der Bus in die Berge oder kippte uns vor einem Zeltlager am Meer aus. Sobald ich selbst Auto fahren konnte, mied ich Busse wie der Teufel das Weihwasser, ich hatte einfach genug.
Heute weiß ich gar nicht mehr, warum eigentlich. Denn inzwischen bin ich passionierte Busfahrerin. Es gibt kaum eine schönere Art, sich durch eine Stadt zu bewegen, es schaukelt so lustig, der Bus hat immer Vorfahrt, und ich kann aus dem Fenster schauen. Mir ist schon klar, dass ich mich anhöre wie eine alte Frau, aber ich fühle sie auch, die Grand Old Schachtel, die halt so ihre Sachen macht, nach all den Jahren auf dieser Welt. Ich mache meine Sachen in der Linie 17, die einmal quer durch die Hamburger Innenstadt fährt. Von meinem bevorzugten Drogeriemarkt, der gegenüber meiner bevorzugten Buchhandlung liegt, an meiner bevorzugten Eckkneipe vorbei und an dem Spielplatz, auf dem ich meinen Sohn großgezogen habe. Dann fährt der Bus weiter zum Bahnhof, zu meinem Verlag und zu meiner Steuerberaterin, danach hält er an der Ecke jener Straße, in der meine Mutter ihre erste Junggesellinnenwohnung hatte, und an der nächsten Haltestelle steige ich aus, um mich im Literaturhaus mit Kultur vollzutanken. Wenn mich jemand fragt, wo ich lebe, kann ich manchmal nicht umhin zu sagen: »Im Bus der Linie 17.«
Das Einzige, was ich an all dem verstörend finde, vor allem in meiner Funktion als Grand Old Schachtel, ist, dass nur wenige Menschen noch in der Lage zu sein scheinen, eine Busfahrt wahrhaftig zu genießen. Statt aus dem Fenster zu sehen, während sie gemütlich durch die Stadt kutschiert werden, glotzen alle stumpf auf ihre blöden Telefone und lassen sich von Algorithmen verschleppen. Als wäre daran irgendetwas interessant. Ich möchte ihnen zurufen: »Leute, nichts kann aufregender sein als das Leben da draußen, hört auf, euch für dumm verkaufen zu lassen!«
Aber weil ich in der Tradition von Helmut Schmidt stehe und niemanden mit meinen Gefühlen belästigen will, rufe ich nicht in die Menge, sondern versuche lediglich, mit meinem Verhalten ein Angebot zu machen, zu zeigen, wie es anders gehen könnte. Ich sitze aufrecht im Bus und nicht in gebeugter Haltung, schließlich hat uns die Evolution ein Rückgrat geschenkt, und das benutzen wir sowieso viel zu selten. Ich nehme Blickkontakt mit Kindern auf, und dann schauen wir gemeinsam aus den Fenstern, Kinder machen das ja sowieso fast am liebsten. Und ich kaufe mir was richtig Tolles zu trinken, bevor ich in den Bus steige, denn ich habe, im Gegensatz zu den Plattformsüchtigen, beide Hände frei, ich kann also eine Dose kalte Fanta halten oder einen Becher warmen Kaffee. Und wie wir Buskinder früher in den Kiosken standen, bevor die Fahrt losging, wie lange wir überlegt haben, um auch ja das richtige, uns entsprechende Getränk dabeizuhaben! Denn du bist, was du im Bus trinkst. Wer nur am Smartphone klebt, ist vielleicht lediglich ein Geschöpf der Technik.
Wäre ich wie Helmut Schmidt, würde ich nicht nur Social Media für Minderjährige verbieten, ich würde die elenden Algorithmen und künstlichen Intelligenzen für alle verbieten. Fahrten in Linienbussen hingegen würde ich schlicht gesetzlich vorschreiben.

Simone Buchholz schreibt hier im Wechsel mit Lara Fritzsche, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
